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Zwischen Sterilität und Greenwashing: Wir haben an der Klimakonferenz teilgenommen

Auf der Klimakonferenz in Madrid © UN Climate Change
Auf der Klimakonferenz in Madrid © UN Climate Change

Kommentar. Die COP25-Konferenz in Madrid ist geschlagen – am Wochenende ging die Großveranstaltung, die den globalen Rahmen zur Bekämpfung der Klimakrise vorgeben soll, offiziell zu Ende. In den letzten zwei Wochen wurde intensiv diskutiert, verhandelt und informiert, doch was ist dabei Zählbares herausgekommen? Und wie fühlt es sich an, an einem Klimagipfel teilzunehmen? Wir, Andreas Tschas und Rainhard Fuchs, haben an der Konferenz teilgenommen und teilen unsere Erfahrungen mit euch auf Tech&Nature.

Zwischen Sterilität und Greenwashing

Endlose Messehallen, Klimaanlagensurren, tausende Menschen. Der Klimagipfel ist zuerst einmal eine etwas nüchterne Angelegenheit. Sterilität herrscht in den Gängen und die Einrichtungen sind in matten Farben gehalten und praktisch. Schon anders schaut es bei den regionalen oder nationalen Ständen aus. Je nach Betreuer (zB die EU, Großbritannien, Japan, aber auch Länder wie Bangladesch, Senegal und die pazifischen Inseln) hat man mehr oder weniger Geld in die Hand genommen, um seine Überzeugungen und Botschaften zu platzieren.

In einigen Fällen (nicht nur auf Staaten bezogen) erhärtet sich der Verdacht, dass es sich hier aber leider um Greenwashing handelt. Neben der reinen Optik ist vor allem der Inhalt wichtig. Begehrt sind Side Events mit großen Namen oder mit treffenden Inhalten (die Auswirkungen des Klimawandels auf globale Migration mit leitenden Forschern dazu). Teils sitzen auf wenigen Quadratmetern gut 100 Personen, teils enttäuschen große Konferenzräume mit gähnender Leere und halb-anwesenden Personen an ihren Laptops bzw Handys, wobei die Vortragenden unbeirrt ihren Text ablesen.

Teilnehmer an ihren Grenzen

Es scheint, als hätte sich der Klimagipfel am Ende der zwei Wochen fast verbraucht und die Leute wollen alsbald in ihre Heimat zurückkehren. Teilnehmer gehen an ihre persönliche Grenzen und man findet sie mitunter schlafend auf Stühlen– die Strapazen der vergangenen Tage schlägt sich in Müdigkeit um. Die Verpflegung hat den typischen Charakter von diplomatischen Zusammenkünften – Sandwiches und nicht wirklich satt machendes Finger Food inklusive Getränkebegleitung finden sich ab und an in den öffentlich zugänglichen Arealen und nach kurzer Zeit hat man die Servierzeiten durchschaut. Die unwesentlich bessere Variante ist ein Food Court mit Fast Food-Größen und Cafés. Wer denkt, dass man in Madrid während des Gipfels kulinarisch auf seine Rechnung kommt, muss sich woanders umsehen und die dauernd anwesenden Delegierten haben sicherlich gesündere Wochen in ihrem Arbeitsjahr.

Gegen Ende der zweiten Woche macht sich ein Gefühl der Resignation breit. Man ist sich bewusst, dass der Gipfel keine großen Erfolge bringen wird und ringt um ein möglichst passables Abschlussübereinkommen. Gedämpfte Stimmung wird nur durch die gelegentlichen Länder-Performances unterbrochen, welche bei den Ständen dargeboten werden. Da wippt dann zu pazifischen Klängen die halbe Weltbevölkerung und man ist geradezu froh, Musik als Abwechslung zu den Gesprächen zu hören. Der so wichtige Stimmungsmacher Musik ist nämlich gänzlich abwesend in den Hallen. Sie soll ja schließlich nicht bei den Verhandlungen stören.

Experten und Promis

Hoch ist die Expertendichte jedenfalls und es überrascht nicht, wenn plötzlich neben einer/m die Vizepremier (und Umweltministerin) von Schweden in den Gängen auftaucht und rasch vorbeihastet. Eine Halle weiter fachsimpelt der Chef von Iberdrola (spanischer Strom- und Gasproduzent mit über 100 Mio Kunden) mit Frans Timmermans, zuständiger Kommissar der neuen Europäischen Kommission für den Green Deal. Greta Thunberg reiste übrigens bereits nach ihrer Rede ab. Sie war begehrtes Selfie-Ziel der Teilnehmer. Zeit dafür gab es, allerdings nicht für bahnbrechende Entscheidungen auf diesem Klimagipfel…

Informationsüberfluss, Floskeln & Altbekanntes

Innerhalb weniger Tage wird eine gewaltige Menge an neuer und alter Information am Klimagipfel verarbeitet. Neueste Gletscherforschungen wechseln sich ab mit innovativen CO2-Speicherungsmethoden, welche ihren Teil zur Reduzierung der Treibhausgase beibringen kann. Zahlreiche Lösungen werden vorgestellt, doch zumeist werden auch Floskel und Altbekanntes wiederholt. Die Neuigkeiten werden teils marktschreiend, teils trocken wiedergegeben und es liegt im Auge des Betrachters, welche Informationen nun wirklich neu sind.

CO2 in Stein pressen

Es existieren bzw. entstehen gerade viele neue Lösungen, die die Klimakrise lösen sollen. So werden Technologien entwickelt, die CO2 durch gezielte Verfahren in Stein pressen. Die isländische Hauptstadt Reykjavík ist hier Vorreiter bei einer solche Lösung.

Wir haben einige Firmen getroffen, die verstehen, dass die Reduktion nicht nur mehr ein gesellschaftlich relevantes Thema ist, sondern dass ein CO2-Bepreisung kommen wird. Jene Unternehmen, die bereits jetzt Maßnahmen setzen, werden hier am Ende des Tages Einsparungen und dadurch Konkurrenzvorteile haben.

So hat sich auch das staatliche schwedische Bergbauunternehmen LKAB zur CO2-Neutralität verpflichtet und erhebt als erstes Bergbauunternehmen weltweit seinen CO2-Fußabdruck.

Was bleibt vom Gipfel?

Speziell zwei Themen haben sich in den Köpfen der Teilnehmer eingebrannt: Verbindliche Zusagen für CO2-Neutralität zu einem möglichst frühen Zeitpunkt (idealerweise vor 2050) sind ausgeblieben und wurden aufs nächste Jahr verschoben. Time to action later sozusagen.

„Praktisch kein Staat hat dies bis jetzt gemacht“

„Wir wissen, dass wir nicht genügend Fortschritt machen. Wir sind noch lange nicht am Gewinnen, da es mächtige Gegner gibt.“ meinte Jeffrey Sachs. „Die Hausaufgabe für die Staaten ist es, die nationale Implementierungspläne zu finalisieren. Praktisch kein Staat hat dies bis jetzt gemacht. Der wirkliche Neuigkeitsgehalt des Gipfels ist, dass wir uns nun bewusst sind und definiert haben, dass wir in der letzten Phase der Sicherheitszone sind. Wir werden wohl viel radikalere Ansätze brauchen, als wir das heute planen.“

Was können Unternehmen tun?

Darüber hinaus wurde breit über die Rolle des privaten Sektors diskutiert, welche nun immer mehr als gleichwertige Partner zur Bekämpfung des Klimawandels angesehen werden. Die Rolle der Unternehmen wurde auch beim bereits 10. Mal parallel stattfindenden Sustainable Innovation Forum angesprochen und intensiv diskutiert. Der Chefökonom für Energie von Siemens, Volkmar Pflug, machte dann auch gleich klar, dass es eine ganz einfache KPI für die Effektivität der Maßnahmen gegen die Klimakrise gäbe, nämlich CO-Emissionen. Das wäre daher derzeit die wichtigste Sache, diese über die kommenden Jahrzehnte zu neutralisieren.

In das gleiche Horn stoß Mary Robinson, ehemalige irische Präsidentin und nun für ihre eigene Foundation im Kampf gegen den Klimawandel unterwegs: „Die 100 größten Unternehmen nach CO2-Emissionen stoßen 60% dieser aus. Da müssen wir ansetzen. Aber gleichzeitig ist einer der Hauptschuldigen für die derzeitige Lage die USA. Durch die fehlende Führerschaft ließ der aufgebaute Druck auf andere Staaten wie China und Russland deutlich nach.“

World War Zero

„Die Governance der Regierungen hat versagt, daher ist der Gipfel ein Test für die Politiker und Unternehmen, ob sie die geweckten Erwartungen erfüllen können“, sagte der ehemalige US-Außenminister John Kerry, der mit World War Zero eine neue Klimainitiative zum Erreichen der CO2-Neutralität gegründet hat und selbst vor Ort war. Auf die Frage, warum die Bewegung World War Zero heißt, meinte er, dass vor allem die altbekannten, großen Staaten (USA, China, Russland) die Hauptakteure der Problematik sind und die Staaten den Bürgern den Krieg erklärt haben, da sie diese nicht ausreichend gegen die Klimakrise schützen. Der UN-Sondergesandte Alfonso de Alba sprach hier explizit von den G20, welche verbindlich werden müssen.

Bereits am Mittwoch der zweiten Woche erschien der diesjährige Bericht zum Klimagipfel, welcher übersichtlich die wichtigsten Themen des Klimagipfels auflistete und hier abrufbar ist.

Sanktionen fehlen

Größtes Problem bleiben wohl die fehlenden Sanktionsmöglichkeiten der internationalen Verträge. Diese sind zwar bindend, aber gibt es Strafen, wenn Staaten die Pläne nicht einhalten. Das globale Probleme ist hier doch eine Nummer zu groß für das derzeitige diplomatische System.

Sondergesandte Alfonso de Alba brachte es dann im Zwischenbericht auf den Punkt: „Selbst wenn die derzeitigen Verbindlichkeiten eingehalten werden, sind wir weit von den geplanten 1,5°C entfernt und bewegen uns laut derzeitigem wissenschaftlichen Stand zwischen 3 und 4°C zusätzlicher Erderwärmung. Es muss noch viel mehr getan werden.“

Die nächste Klimakonferenz findet übrigens Ende 2020 in Glasgow/Schottland statt.

Gastbeiträge spiegeln die Meinung der Autoren wider, die nicht unbedingt der Meinung der Redaktion entsprechen muss. 

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