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Nachhaltigkeit in Fahrrad-Branche

Woom-CEO: „Wir wachsen überproportional schnell und das ist Fluch und Segen zugleich“

Guido Dohm ist neuer CEO bei woom © woom bikes
Guido Dohm ist neuer Geschäftsführer bei woom © woom bikes

Das Radfahren ist in. Insbesondere jetzt im Frühling steigert sich die Anzahl der Fahrräder auf den Straßen wieder rasant und es zieht die Leute in die Natur. Dieser Bikeboom ist dabei aber nicht nur auf die Folgen der Coronapandemie zurückzuführen, so der CEO von Woom Guido Dohm. „Das Radfahren bedient mehrere Trends: Ökologie, Gesundheit und Urbanisierung.“ Das spürt auch die internationale Kinderfahrradmarke. Im Jahr 2020 hat das Unternehmen den eigenen Angaben nach mehr als 200.000 Räder verkauft, eine Steigerung von 63% im Vergleich zu 2019. Auch heuer sei die Nachfrage wieder höher als die Kapazität und gelieferte Räder würden gar nicht mehr eingelagert, sondern gehen direkt wieder an die Kunden raus, so Dohm. Dieser verstärkt seit Juli 2020 als CEO die Geschäftsführung neben den beiden Gründern Marcus Ihlenfeld und Christian Bezdeka. In den nächsten Jahren rechnet Dohm mit einem Unternehmenswachstum um 50 Prozent und das jährlich. Dieser überproportionale Wachstum sei dabei Fluch und Segen zugleich, so Dohm. Durch den Bikeboom kommt es  zu deutlich längeren Lieferzeiten der einzelnen Komponenten. Damit drohen zu lange Lieferzeiten der Räder. Daher hat das Unternehmen jetzt gehandelt. Die österreichische Kinderfahrradmarke zwischen ökonomischen Wachstum und der Suche nach der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit.

Europa-Standort als nächste Stufe in der Internationalisierung

Guido Dohm ist noch nicht einmal ein Jahr Geschäftsführer bei Woom und konnte schon jetzt den wichtigen Meilenstein einer europäischen Produktionsstätte erreichen. Bis Ende 2021 soll ein Drittel der Jahresproduktion in einem Werk des deutschen Unternehmens SPRICK CYCLE GmbH in Świebodzin im Westen von Polen endgefertigt werden. Bisher kamen die einzelnen Bestandteile der Räder dabei über den Seeweg, aber das soll sich ändern, Dohm: „Bisher hat die Bike-Industrie ihre Komponenten fast ausschließlich von Spezialisten aus Asien bezogen. Jetzt wird es möglich, mit Zulieferern in Europa zu entwickeln und zu produzieren. Da sehen wir eine Riesenchance für woom.”

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Eine Rückholung der Produktion von Asien nach Europa ist der Standort dabei aber nicht – vielmehr ein Ausdruck der fortschreitenden Internationalisierung. „Um eine europäische Produktion aufbauen zu können , braucht man nennenswerte Stückzahlen, die jetzt bei uns gegeben sind“, so Dohm. Von Polen aus soll zukünftig ein Großteil der europäischen Nachfrage bedient werden und der ökologische Fußabdruck der Räder so kleiner werden. Warum als Standort für eine europäische Produktion Polen gewählt wurde und nicht etwa Österreich, ist dabei schnell erklärt. Dohm: “ Die primäre Aufgabenstellung war: Wie schaffen wir es, dass wir uns eine europäische Produktion leisten können, ohne dass sich der Abgabepreis auch nur um einen Euro erhöht?“ Die Lösung: In Polen produzieren. Im Vergleich zu Asien seien die Endmontage-Preise für Räder in Polen etwa vier mal höher, so der Woom-CEO. In Österreich wären sie etwa sieben oder acht mal höher gewesen. Das hätte sich auch auf die Preise der Räder ausgewirkt. Dass die Konsumenten bereit wären, das zu zahlen, glaubt Dohm nicht: „Wir machen ja keine High-End-Räder. Kinderräder müssen bezahlbar bleiben.“

Soziale Mindeststandards garantieren

Aber bei diesem einen zusätzlichen Produktionsstandort soll es bestenfalls nicht bleiben. Die Ziele des Unternehmens mit Sitz in Klosterneuburg gehen deutlich über den europäischen Horizont hinaus. Auch in Mexiko könnte es bei entsprechender Nachfrage des nordamerikanischen Marktes zukünftig einen Produktionsstandort geben. Der asiatische Bedarf wird wiederum aus den Werken in Kambodscha, Vietnam und Bangladesch bedient. Der Fahrradtrend ist einer der deutlichsten in der Nachhaltigkeitsbewegung. Doch kann ein österreichischer Hersteller wie Woom bei einem solchen Boom auch die soziale Nachhaltigkeit in den Produktionsstätten garantieren? In der Vergangenheit war das Unternehmen mit entsprechenden Vorwürfen, die Gegenteiliges besagten, konfrontiert. Dohm dazu: „In der Kritik an Woom kam vor, dass angeblich nicht Urlaub gewährt worden wäre. Das kann Ihnen in Klosterneuburg auch passieren, dass ein Urlaubsantrag mal nicht gewährt werden kann, weil viel zu tun ist. Das ist aus dem Zusammenhang gerissen.“ Trotzdem könne nicht ausgeschlossen werden, dass Verfehlungen in Einzelfällen vorgekommen seien, so der CEO. Daher hätte man das Gespräch mit dem Fabrikunternehmer gesucht und deutlich gemacht, dass Woom das nicht toleriere. Außerdem gäbe es Suprise Audits in allen Produktionsstätten, in welchen die Arbeitsbedingungen unangekündigt überprüft werden.

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Um soziale Standards in allen Produktionsstätten garantieren zu können, sei aber ein verbindlicher Code of Conduct unerlässlich, so Dohm. Daher hat das Unternehmen nun ein Verhaltenskodex, den woom Code of Conduct, ausgearbeitet. Basis dafür sind die zehn Nachhaltigkeits-Prinzipien des UN Global Compact, die Konventionen der International Labour Organization der Vereinten Nationen (ILO), der UN-Konvention über Kinderrechte sowie die jeweilige Rechtslage am Produktionsstandort. Laut eigenen Aussagen hätten die Zulieferbetriebe aus dem Bereich Kleidung und Accessoires (Soft Goods) diesen bereits unterschrieben. Restliche Vertragspartner sollen möglichst bald folgen.

Soziale Standards durch Marktmitbewerber heben

Soweit die Planung. Auch weitere Maßnahmen zur Erreichung der sozialen Nachhaltigkeit will der Woom-Geschäftsführer erst noch umsetzen. Innerhalb der nächsten 24 Monate will das Unternehmen alle notwendigen Standards in der kompletten Organisation verankert haben, sodass man guten Gewissens sicher sein könne, dass, auch wenn kein Woom-Mitarbeiter vor Ort sei, alles entsprechend organisiert sei, so Dohm. Die elementare Bedeutung solcher sozialen Kriterien für amerikanische und europäische Auftraggeber, müsse den Inhabern vor Ort erst einmal nahe gebracht werden, so Dohm. Durch entsprechende Audits sollen diese Standards dann überprüft, zertifiziert und verbessert werden. Die Erfüllung von Mindeststandards sei dabei selbstverständlich. Der Ausschluss von Kinderarbeit ist ebenfalls ein Mindeststandard. Erlebt hätte er das aber auch seit 20 Jahren nicht mehr, so Dohm. Trotzdem gäbe es zwischen Mindeststandards und dem Maximum bisher große Unterschiede in der Bike-Branche.

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Das will Dohm verändern, aber nicht allein. „Was ich aus meinen Erfahrungen in der Bekleidungsbranche in Asien gelernt habe:  Sozialstandards verbessern sich am raschesten, wenn man sich mit anderen Herstellern zusammenschließt – das können durchaus Mitbewerber sein.“ So sollen gleiche soziale Standards in allen Produktionsstätten der Branche etabliert und entsprechend zertifiziert werden.  In der Bekleidungsindustrie hätten sich die Verhältnisse durch die Zusammenarbeit der Marktteilnehmer deutlich gebessert, so Dohm.

Aufklärung für ökologische Ziele notwendig

Auf den Punkt Klimaneutralität angesprochen, kann der CEO noch keine genauen Zeitpläne für woom nennen. Insbesondere Strom aus erneuerbaren Energien sei ein Thema, welches mit Produktionspartnern bei Neubauten von Werken besprochen würde, so Dohm. Aber auch für die Erreichung von ökologischen Zielen sei viel Aufklärungsarbeit nötig, so Dohm: „Wir können diese Ziele nicht mit der Brechstange erzielen. Im Grunde genommen hat es viel mit Entwicklungsarbeit im modernen Sinne zu tun.“ Bis 2023 soll eine neue Produktionsstätte in Asien entstehen. Bei diesem Bau ständen insbesondere Themen wie die Entwässerung, das Zurückführen von Wasser in den Kreislauf und die Stromerzeugung im Vordergrund. Wie diese Punkte dann aber am Ende tatsächlich umgesetzt werden, ist bisher offen. Bis die Produktion von Fahrrädern also ähnlich nachhaltig sein wird, wie die Nutzung, wird somit voraussichtlich noch einiges an Zeit vergehen.

 

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