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Cooling-Möglichkeiten

Wien und die Hitze: Grätzloasen, Wasserspiele und das erste „Supergrätzl“

©dimitry anikin/ unsplash
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Diese Prognose ist seit Jahren in der Klimawissenschaft bekannt und wurde auch jüngst im  IPCC-Bericht wieder von den Forschenden bestätigt: Insbesondere die Städte werden unter den vermehrt vorkommenden Hitzetagen, also Temperaturen über 30 Grad, und den Folgen von Extremwettern leiden. Der Grund: In den Städten tritt der „städtische Hitzeinseleffekt“ auf.  Straßen und Gebäude absorbieren Sonnenstrahlung und geben die Wärme nur langsam wieder ab. Daher kühlt es auch nachts nur wenig ab. Dazu kommt, dass kühlender Wind durch die Bebauung abgebremst wird und kühlende Vegetation fehlt.

Und die Anzahl der Hitzetage wird voraussichtlich deutlich steigen. Laut der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) könnte die Anzahl der Hitzetage im Jahr 2100 bei 40 Tagen durchschnittlich und 60 bis 80 Tagen in Rekordjahren liegen. Zum Vergleich: Laut der ZAMG gab es im aktuellen Zeitraum, zwischen 1991 bis 2020, in den meisten Landeshauptstädten durchschnittlich zwischen 16 und 22 Hitzetage. Die Rekorde lagen aber auch jetzt schon bei über 40 Hitzetagen.

Wien: Ab ersten Juni werden Solaranlagen auf Gründächern extra gefördert

Mit diesen Prognosen vor Augen ist eine Hitzeanpassung der Städte also unabdingbar. Die österreichische Landeshauptstadt hat daher bereits seit einiger Zeit Projekte in Planung oder Umsetzung, welche das bewirken sollen. Dabei hat die Stadt Wien ein klares Ziel vor Augen: Sie will „Klimamusterstadt“ werden. Dafür fördert sie bereits einige entsprechende bauliche Maßnahmen, unter anderem die Errichtung von Photovoltaikanlagen und die Begrünung von Dächern und Fassaden. Auch sollen Flächen entsiegelt und mehr Bäume gepflanzt werden.

App zeigt Wasserspots in Wien

Für die Menschen in der Stadt, die während drückender Hitzeperioden schnellstmöglich Abkühlung suchen, könnte die App „Cooles Wien“ Abhilfe bringen. Diese wurde bereits 2020 von der Stadt Wien entwickelt und ist frei für Android- und Apple-Geräte erhältlich. Die App zeigt, wie heiß es gerade in der Stadt ist und wie sich das Wetter in den kommenden zwei Tagen entwickelt. Auf einer Karte sieht man verschiedene Symbole, die für Bäume, Parks, Brunnen, Nebelduschen, Badestrände oder Bäder stehen und kann sich die schnellste Route zu diesen Orten anzeigen lassen.

Seit letztem Jahr kühlen außerdem zwei Cool Spots die Wiener:innen. Davon befindet sich einer im Esterhazypark am Haus des Meeres und einer am Schlingermarkt in Floridsdorf. Diese sind bepflanzte, beschattete kühlende Aufenthaltsorte mit Sprühnebeldüsen. Um bis zu sechs Grad sollen die Temperaturen innerhalb des Cool Spots geringer sein als die Umgebungstemperatur, so das Architektenteam. Das liegt an einem ganz natürlichen Effekt. Verdunstet das Wasser auf den Blättern der Pflanzen, wird die Umgebungsluft automatisch gekühlt.

Hitze: Diese App zeigt dir, wo es in Wien kühler ist

69 Grätzloasen in Wien 2021

Auch die Wiener „Grätzloasen“ sollen die Lebensqualität während der Sommermonate in der Stadt erhöhen. Diese werden von der Stadt Wien in Form der Initiative Aktionsprogramm „Grätzloase“ und dem Verein „Lokale Agenda 21“ umgesetzt. 69 dieser sogenannten „Grünen Parklets“, also begrünte Sitzgelegenheiten in der Parkspur, wurden heuer bereits geschaffen, so die offiziellen Angaben der Stadt Wien. „Gebaut von der Nachbarschaft fördern sie das Zusammenleben im Grätzl und sorgen mit mehr Grün im öffentlichen Raums für ein angenehmeres Mikroklima an heißen Tagen“, so Wiens Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky. Das findet bereits Nachahmer so der Stadtrat. So werden in Berlin im Auftrag der Senatsverwaltung die sogenannten „Kiez-Parklets“ gefördert und in Innsbruck seien nach Wiener Vorbild „Inns’eln“ geplant.

Aber die Stadt bedient sich auch Erfolgsmodellen anderer Städte als Vorlage. So nun bei Wiens erstem „Supergrätzl“. Dieses soll in Favoriten entstehen. Genauer gesagt: der Bereich innerhalb der Gudrunstraße – Leebgasse – Quellenstraße – Neilreichgasse. Die Idee ist nicht neu, bereits im letzten Sommer wurde Wien erstes „Supergrätzl“ erdacht. Damals noch mit Standort im zweiten Bezirk, im Volkertviertel direkt neben dem Wiener Augarten, wir berichteten. Die Idee dazu kommt aus Barcelona: Einige Häuserblocks werden zusammengefasst, im Spanischen zu „Superblocks“, und die Gassen dazwischen zu begrünten Begegnungszonen, in denen nur noch Anrainer und Lieferanten mit Autos fahren. Der restliche Autoverkehr wird auf größeren Straßen rund um diese Gebiete geleitet. Auch hier sollen entsprechende „Cooling-Maßnahmen“ verbaut werden, so die Stadt Wien.

Wien arbeitet an autofreien „Supergrätzln“

Testphase für Supergrätzl im Sommer 2022 geplant

Aus sechs Vorschlägen wurde das Gebiet laut Angaben der Stadt ausgewählt, die die MA 18 in einer Studie untersucht hat. Die Entscheidung auf Favoriten sei wegen der Umstände vor Ort gefallen. So zeige das gesamte Gebiet in der Wiener Hitzekarte eine hohe Hitzebelastung auf. Außerdem sei es zudem dicht besiedelt und benötige deshalb mehr Freiräume im direkten Wohnumfeld, so die Stadt.

 

Wiens erstes Supergrätzl. ©MA 19 7 MA 41 / Stadt Wien
Wiens erstes Supergrätzl. ©MA 19 7 MA 41 / Stadt Wien

Im Herbst soll es eine Informationsveranstaltung vor Ort zu dem geplanten Projekt geben. Bei dieser sollen auch die Bewohner:innen die Möglichkeit bekommen, Vorschläge und Gedanken einzubringen. Genauere Informationen gab die Stadt bisher nicht bekannt. Laut Bezirksvorsteher Marcus Franz (SPÖ) gegenüber dem „Kurier“ ist für den nächsten Sommer bereits eine Testphase geplant. Betonleitwände sollen dann die Einfahrt mit Autos erschweren, wobei Parkplätze aber nur wenige wegfallen sollen.

Wie Barcelona die Stadt in autofreie Superblocks teilt

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