Stadtleben

Wien arbeitet an autofreien „Supergrätzln“

Viel Grün, wenig Autos – das wäre die Idee der "Supergrätzln" © Unsplash
Viel Grün, wenig Autos – das wäre die Idee der "Supergrätzln" © Unsplash

Das Volkertviertel direkt neben dem Wiener Augarten im zweiten Bezirk soll Wiens erstes „Supergrätzl“ werden. Die Idee dazu kommt aus Barcelona: Einige Häuserblocks werden zusammengefasst, im Spanischen zu „Superblocks“, und die Gassen dazwischen zu begrünten Begegnungszonen, in denen nur noch Anrainer und Lieferanten mit Autos fahren. Der restliche Autoverkehr wird auf größeren Straßen rund um diese Gebiete geleitet. In Barcelona gibt es diese Superblocks schon lange und nun soll das Prinzip Wien erobern – es gibt allerdings zahlreiche Hürden.

Einbahnen und ein Park werden zum Supergrätzl

Das „Supergrätzl“ im zweiten Bezirk wird von Taborstraße, Nordbahnstraße, Mühlfeldgasse, Heinestraße und Am Tabor begrenzt. Dazwischen liegen auf rund 200.000 Quadratmetern ausschließlich kleinere Gassen, fast allesamt Einbahnen. Dort soll die „Aufenthaltsqualität im Straßenraum“ erhöht werden, wie es in einer Aussendung heißt. Details gibt es noch keine, denn das Projekt steht zuerst vor großen Aufgaben: Machbarkeitsstudie, „verkehrsorganisatorische Abklärung“, Bürgerbeteiligungs-Prozess. Bezirksvorsteherin Uschi Lichtenegger rechnet damit, dass das „mehrere Monate“ dauert.

Bei der Planung des Supergrätzls Volkertviertel ist das Planungsbüro Florian Lorenz maßgeblich beteiligt. Stadtplaner Lorenz hat davor auch bereits an einem Forschungsprojekt zu Superblocks in Wien mitgearbeitet. Unter der Leitung des Forschungsbereichs für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der TU Wien wurden seit 2018 gemeinsam mit Wissenschaftlern des AIT und Florian Lorenz unter dem Titel SUPERBE Orte für mögliche Supergrätzl in Wien identifiziert und konkrete Pläne für Modellgrätzl ausgearbeitet.

„Renaissance der fußgängerfreundlichen Stadt“

„Bevor Autos begonnen haben, die Straßen zu dominieren, haben Fußgänger Straßen viel bedenkenloser gequert und auch die Mitte genutzt“, sagt Lorenz im Gespräch mit Tech & Nature. Er wünscht sich eine „Renaissance der fußgängerfreundlichen Stadt“. Besonders parkende Autos hätten den Charakter von Straßen maßgeblich verändert. Würde man sie entfernen, wäre der Straßenraum plötzlich viel größer und die Fokussierung auf eine Längsbewegung aufgelockert.

London verbannt Autos aus Innenstadt

Autos sollen in Garagen parken

Für diesen Punkt, der wohl zu den größten Hürden gehört, hat Lorenz eine scheinbar einfache Lösung parat: Die Autos sollen in Garagen parken. „Es gibt in Wien ein sehr großes ungenutztes Garagen-Potenzial“, sagt der Stadtplanungs-Experte. Einen dieser freien Garagenplätze zu mieten, hätte viele Vorteile und würde sich auch finanziell rechnen, meint er. Durch den geschützten Stellplatz würden weniger Reparaturen notwendig und man gewinnt Zeit durch den Wegfall der Parkplatzsuche.

Straßenraster Barcelonas wie gemacht dafür

In Barcelona wurde seit 2015 an dem Konzept gearbeitet und der erste Superblock 2017 in Poblenou im Norden der Stadt eingeführt. Mittlerweile sind es bereits sechs autofreie Blöcke und nach dem ursprünglichen Plan sollen es 503 Mini-Bezirke werden. In der katalanischen Stadt ist auch der Leidensdruck höher. Einerseits ist die Verkehrsbelastung sehr hoch, andererseits zählt Barcelona zu den europäischen Städten mit dem geringsten Anteil an Grünflächen. Und der strenge Straßenraster der Stadt spielt der Idee der Superblocks zu. Laut Plan bilden immer drei mal drei Häuserblocks einen Superblock, Autos fahren auf den Straßen dazwischen und niemals ist eine Öffi-Haltestelle weiter als 250 Meter entfernt. So hat auch Lorenz das Konzept auf einer Konferenz in Barcelona 2017 kennengelernt.

Wie Barcelona die Stadt in autofreie Superblocks teilt

In Wien ist die Straßenstruktur und die Infrastruktur gewachsener und deshalb potenzielle Supergrätzln schwieriger zu definieren. In dem Projekt SUPERBE wurde also zunächst das Potenzial erhoben: Wo sind Supergrätzl grundsätzlich möglich und wo sind sie besonders sinnvoll, weil das Gebiet dicht verbaut ist und öffentliche Verkehrsmittel gut zugänglich sind. „Es gab erstaunlich viele Zellen, die gepasst haben“, so Lorenz. Für das Projekt wurden schließlich drei davon ausgewählt, um ein Konzept zu erarbeiten.

Wieviele Bäume passen theoretisch in ein Grätzl?

Die Planung eines Superblocks im 17. Bezirk aus dem Forschungsprojekt SUPERBE © SUPERBE
Die Planung eines Superblocks im 17. Bezirk aus dem Forschungsprojekt SUPERBE © SUPERBE

Eines der Grätzl aus dem Forschungsprojekt liegt beispielsweise im 17. Bezirk um den Clemens-Hofbauer-Platz, der neben einem Park, eine Pfarrkirche und Schulen umfasst. In SUPERBE wurden dort etwa vier mal fünf Häuserblocks zusammengefasst und das Potenzial für verkehrsberuhigende Elemente, Sackgassen und Baumpflanzungen erhoben. „Wo man Bäume pflanzen kann, ist nicht immer gleich so eindeutig, weil es von Kanälen, Leitungen und Abstandsvorgaben abhängt“, erklärt Lorenz. Ähnliche Pläne sind auch für ein Grätzl im 7. Bezirk und im 10. Bezirk entstanden. Der Stadtplaner will diese Konzepte aber nicht als Umsetzungsplan mißverstanden wissen: „Wir haben uns in den Plänen immer eine Maximalvariante angesehen“, erklärt er. Dort sind also beispielsweise alle Bäume eingezeichnet, die rein theoretisch möglich wären – bei einer Umsetzung würde man wohl auf eine Auswahl setzen.

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