Regionalität

Warum „mehr regionale Lebensmittel“ in Österreich nicht so einfach ist

Hühner sind in Österreich glücklicher als anderswo © Unsplash
Hühner sind in Österreich glücklicher als anderswo © Unsplash

Die österreichische Regierung hat im Zuge der Coronavirus-Krise die „Regionalisierung“ ganz weit oben auf ihre Agenda gesetzt. Gemeint ist damit, eine in Krisen kritische Produktion innerhalb des Landes abdecken zu können – etwa bei Medikamenten, aber auch bei Lebensmitteln. Letzteres hat Bundeskanzler Sebastian Kurz vergangene Woche auch in seiner Rede zur Lage der Nation betont: Der Konsum regionaler Produkte sei „gesund, schützt das Klima, ist gut für die Landwirtschaft und gibt Sicherheit in Zeiten der Krise“.

Kurz untermauerte dieses Anliegen auch mit Zahlen aus einer Studie der Österreichischen Hagelversicherung. Demnach würde es 4,6 Milliarden Euro mehr regionale Wertschöpfung bringen und 46.000 neue Arbeitsplätze schaffen, würden die Österreicher um 20 Prozent mehr regionale Produkte kaufen.

„Es braucht keinen Zucker aus Brasilien, keine Butter aus Irland, kein Steak aus Argentinien und keine Tomaten aus Spanien – das Beste liegt bei uns in der Region“, kommentiert Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Hagelversicherung. Dagegen würde wohl kaum jemand etwas einwenden, es gibt aber zwei simple Gründe, warum eine stärkere Regionalisierung bei Lebensmitteln schwierig ist: Der Preis und die Information.

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Schwer zu erkennen, woher Lebensmittel kommen

Es ist sehr oft einfach schwierig oder sogar unmöglich zu erkennen, woher bestimmte Lebensmittel kommen. Kauft man beispielsweise rohe Eier im Supermarkt, ist das leicht zu erkennen. Allerdings: „Der Großteil der Eier wird als verarbeitetes Produkt verkauft“, erklärt der Generalsekretär der Landwirtschaftskammer Österreich, Ferdinand Lembacher, im Gespräch mit Tech & Nature.

Egal ob bei Keksen aus dem Supermarkt, der Eierspeise im Restaurant oder dem Kaiserschmarrn in der Kantine – woher die Eier dafür kommen, muss nirgends stehen und tut es auch so gut wie nie. Die Regierung hat bereits angekündigt, das zumindest teilweise – nämlich für Kantinen – ändern zu wollen. „Ich hoffe sehr, dass das wirklich kommt“, so Lembacher.

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EU steht bei Kennzeichnung noch am Anfang

Im Supermarktregal wird die EU-weite Herkunftskennzeichnung jedenfalls noch länger auf sich warten lassen. In Koblenz gab es dazu am Dienstag Beratungen der EU-Landwirtschaftsminister unter der Leitung der deutschen Agrarministerin Julia Klöckner. Dort ging es um eine einheitliche Kennzeichnung von Herkunft, Tierwohl und Nährwert auf Lebensmittelverpackungen. EU-Landwirtschaftskommissar Janusz Wojciechowski hatte eine erste Analyse zur Folgenabschätzung angekündigt, wie der Kurier berichtet.

Billigere Produkte aus dem Ausland

Es gibt Lebensmittel, bei denen Österreich einen sehr hohen Grad der Eigenversorgung hat. Bei Getreide etwa liegt der Selbstversorgungsgrad laut Hagelversicherung bei 86 Prozent, bei Kartoffeln bei 80 Prozent. Bei anderen Lebensmitteln hingegen ist Österreich derzeit stark von Importen abhängig. Diese Produktion könnte man auch stärker im Inland abdecken, ist Lembacher überzeugt. Dazu müsse es aber eine Nachfrage geben und die fehle eben, weil viele Menschen zu den billigeren Produkten aus dem Ausland greifen.

„Die hohem Standards bei Geflügel haben dazu geführt, dass wir an Marktanteil verloren haben“, erklärt der Landwirtschaftskammer-Generalsekretär. In Österreich gelten für die landwirtschaftliche Produktion strengere Regeln für Umwelt- und Tierschutz, was die Produktion in einigen Bereichen teurer macht. Eine stärkere Regionalisierung würde sich also auch auf die Lebensmittel-Preise auswirken.

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Staat kauft bisher auch lieber billig

Der Staat soll in diesem Bereich mit gutem Beispiel vorangehen. Bisher tut er das kaum – die zuständigen Ministerien haben allerdings schon angekündigt, das ändern zu wollen. „Es wäre zu begrüßen, wenn die öffentliche Hand in ihrem Einkauf für Kasernen, Schulen oder Krankenhäuser auch das kauft, was sie den Bauern vorgibt und nicht einfach das Billigste“, sagt Lembacher. „Wenn es bei öffentlichen Ausschreibungen nicht nur nach dem Preis, sondern auch nach Regionalität geht, könnten wir die Produktion erhöhen und hätten mehr inländische Wertschöpfung“.

Um das Problem der Billigpreise grundlegend anzugehen, müsste man beim Import ansetzen. „Wenn die strengen Kriterien, die für die landwirtschaftliche Produktion in Österreich gelten, auch als Mindest-Level für importierte Produkte gelten würden, wäre das fair“, so Lembacher. Das allerdings sei handelsrechtlich problematisch.

Klimakrise setzt der Landwirtschaft zu

Es gibt noch ein weiteres Problem, das laut Hagelversicherung und Landwirtschaftskammer die Eigenversorgung Österreichs mit Lebensmitteln bedroht: Klimakrise und Bodenverbrauch. Darauf hat vergangenes Jahr die AGES-Studie „Bodenbedarf für die Ernährungssicherung in Österreich“ aufmerksam gemacht.

„Für Österreich gehen wir von einem Rückgang der Erträge um bis zu 19 Prozent in den kommenden 40 Jahren aus. Im aktuell trockenen, pannonischen Klimaraum wird es die stärksten Ertragseinbußen geben. Im Marchfeld könnte sich die Ernte durch zunehmende Hitzetage und Trockenheit sogar um bis zu 50 Prozent verringern, bis 2060 droht eine Unterversorgung zum Beispiel bei Getreide, Mais oder Kartoffeln“, mahnte 2019 der Leiter der Studie, Andreas Baumgarten.

Jobs für Österreicher unattraktiv

Und letztendlich könnte die stärkere Regionalisierung in der Lebensmittelproduktion ein schwächerer Jobmotor sein als angenommen. 46.000 Arbeitsplätze würden laut Hagelversicherung durch einen steigenden Konsum regionaler Produkte geschaffen. Darunter wohl zahlreiche Erntehelfer. 14.000 davon benötigt die heimische Landwirtschaft in einer Saison ungefähr, wie wir seit dem Engpass zur Zeit der Einreisebeschränkungen durch Corona wissen. Die kommen in der Regel aus dem Ausland, da der Lohn zum Leben in Österreich zu niedrig ist.

Den vielen Arbeitslosen in Österreich würde eine steigende landwirtschaftliche Produktion also kaum helfen. Abseits vom Lohn gibt es nämlich noch ein Problem: die Eignung für den Job. Nicht alle der 7.000 Freiwilligen, die sich zur Zeit der Grenzschließungen als Erntehelfer gemeldet hatten, konnten tatsächlich eingesetzt werden. „Die harte Feldarbeit werden nur wenige schaffen, das ist unser Problem“, sagte der Machfelder Spargelbauer Werner Magoschitz zum Kurier.

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