Gastbeitrag

Warum Bioplastik und „concious“ Kleidung nicht die Umwelt retten

Plastik, Plastiksackerl, Obst
© Pexels

In Bezug auf Kreislauf und Kreislaufwirtschaft kommt mir besonders ein Wort in den Kopf, das mich aus KonsumentInnensprecherinnensicht immer wieder fast schon aggressiv gemacht hat: Das Wort „Recycelbar“. Was bedeutet das? Dass das Produkt recycelt werden kann, wenn es richtig entsorgt wird.

Mein Favorit: Eine industriell hergestellte Duftkerze im Glas einer Firma, die bereits mehrfach unter Verdacht stand, dass ihre Produkte Allergien, Bronchialkrämpfe und sogar Krebs auslösen können, und die Paraffin enthalten, steht im Drogeriemarkt auf Augenhöhe, eingepackt in einen beschichteten Karton. Und auf dem Karton steht: „Verpackung recycelbar“. VERPACKUNG.

Verbrannter Müll zählt zur Recyclingquote

Oder: Wie würdest du eine Zahnpastatube aus „bioabbaubarem Material“ entsorgen? In den Biomüll oder in den Restmüll? Es hört sich zwar absurd an, aber im Grunde, wenn man es logisch durchdenkt, wäre doch der Biomüll die passende Destination, oder? Richtig, nein, denn in den Kompostieranlagen würde es stören und aussortiert werden. Landet sie im Restmüll, ist sie zwar weiterhin in der Theorie bioabbaubar, aber: Sie wird verbrannt. Und die Pointe: Sie gilt danach – also als Brandopfer – als „recycelt“. Warum? Weil die thermische Verwertung, also das Gewinnen von Energie durch Verbrennung von Müll, in Österreich zur Recyclingquote gezählt wird.

Auch interessant: Taschen aus PLA, also Polymilchsäure. Die Taschen sind eine wirklich gute Alternative, da sie einerseits waschbar und damit langlebig sind, andererseits in der Produktion einen geringeren CO2-Abdruck als Baumwolltaschen haben. PLA ist ein gutes Material, das das Potential hat, in der Produktion sehr umwelteffektiv zu werden. Doch recycelbar? Ja, in der Theorie. In der Praxis bräuchte es für eine Recycelbarkeit eine reine PLA-Sammlung. Grob geschätzt braucht es jedoch einen Anteil von sieben bis acht Prozent am gesamten Verpackungsmaterial in Österreich, damit sich eine eigene getrennte PLA Sammlung und Verarbeitung überhaupt erst rechnet. Man möge sich überlegen, was das bedeutet, rein logistisch: In ganz Österreich würden zu den gelben, blauen, weißen, grünen, roten und braunen Tonnen noch weitere dazukommen, ich tippe auf lila, und es müssten überall eigene Transport- und Verarbeitungswege geplant und eingeführt werden. Sinnvoll? Auf alle Fälle. Wahrscheinlich? Zirka so sehr wie Schnee im August in Wien.

Kompostierbar? Nur theoretisch

Ein anderes Beispiel: „kompostierbar“: Die vielbesprochenen „Bioplastik“-Alternativen bei den Obst-Gemüse-Sackerln. Es gibt bereits kompostierbare Alternativen zu den klassischen Knotenbeuteln. Als es um deren Einführung ging, stellten sich die Kompostieranlagen jedoch quer: In einer industriellen Kompostieranlage ist organischer Abfall in durchschnittlich sechs Tagen durchkompostiert. Die Bioplastiksackerln, an sich eine wirklich gute Idee, brauchen jedoch etwa die doppelte Zeit zur Kompostierung. Auf Rückfrage bei den Kompostieranlagen und der MA48 hieß es: Die werden aus dem Biomüll rausgefischt und in den Restmüll geschmissen. Man wolle keine „Plastikflankerl“ in der neu entstandenen Erde, das würde die Qualität mindern. Nein, längere Kompostiervorgänge kämen aus Wirtschaftlichkeitsgründen nicht in Frage (was ich sogar verstehe).

Der Lebensmitteleinzelhandel, also Spar und Lidl in dem Fall, listeten die Sackerln dennoch ein (Die Mehrwegalternativen würden von den KundInnen nicht gekauft werden, zu teuer, argumentierte Spar. In den Filialen fand ich diese waschbaren Beutel dann direkt neben den Gratisrollen hängen. Na welche Überraschung, dass man dann keine 1,50 ausgeben wollte. Aber das ist eine andere Geschichte) und erklärten vollmundig: Kompostierbar! Umweltschutz! Yay!

Und genau da fängt die Problematik wirklich an: Wir EndkonsumentInnen können meist nicht überprüfen, was mit unserem Müll passiert, nachdem wir ihn entsorgt haben. Und: Es ist uns auch meistens egal – aus den Augen, aus dem Sinn. Zirka 20 Prozent der Menschen pfeifen auch konsequent auf die angebotene getrennte Entsorgung und werfen Glas, Papier, Aludosen und Restmüll auf einmal weg, obwohl gerade diese genannten Materialien sehr gut recyclebar sind und es auch wirklich Abfallwirtschaftssysteme dafür gibt.

Plastikmüll-Mythos: „Das hauens eh alles zamm'“

Die Entsorgung ist überhaupt so ein Thema: Warum halten sich so viele nicht dran? Die Mär „Es is eh wurscht, in Wien hauens am End eh alles zamm‘ und verbrennens“ hält sich hartnäckig. Ich bin diesem Mythos mal auf den Grund gegangen. Er entstand, als Plastikmüll mehr und mehr wurde. Während zu Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts dem zu verbrennenden Restmüll wirklich noch eigener Plastikmüll hinzugefügt wurde, da so eine höhere und somit effizientere Brenntemperatur leichter erreicht werden konnte, ist man heutzutage längst bereits am oberen Ende der Skala, wie heiß Müll beim Verbrennen sein sollte. Dennoch hörte ich auch 30 Jahre später bei meiner Arbeit mit KonsumentInnen immer wieder Aussagen wie „Plastik braucht man nicht getrennt sammeln, das wird eh nur verbrannt.“

Leider ist die Sache etwas komplizierter: Es gibt unterschiedlichste Plastikarten. Alles, was Verbundmaterial ist, also eine Verbindung zwei verschiedener Materialen, zB. beschichtete Folien: Vergiss es. Nicht recycelbar. PET-Flaschen sind jedoch recyclebar – und es gibt in Österreich bereits Standorte, die wirklich lebensmittelecht recyceln können und aus einer – ok, gut, 1,4 – alten Plastikflaschen eine neue machen können, ohne „neues, frisches“ PET hinzu mischen zu müssen. Das ist eine sehr gute Nachricht, und diese Flaschen gibt es bereits bei Vöslauer und Römerquelle beispielsweise. Daher ist es auch sehr wichtig, dass PET-Flaschen getrennt gesammelt werden, in den gelben Tonnen hier in Wien kein anderer Plastikmüll landet.

Brauchen Dosen- und Plastikflaschen-Pfand

Die Sammelquote von PET-Flaschen liegt derzeit laut ARA bei etwas über 70 Prozent. Eine im vergangenen Jahr verabschiedete EU-Richtlinie sieht jedoch vor, dass im Jahr 2029 EU-weit pro Mitgliedsland die Sammlung von 90 Prozent aller PET-Flaschen sichergestellt sein muss. Das wird wohl nur über ein Pfandsystem zu erreichen sein, auch wenn die ARA sich noch dagegen wehrt und meint, dass zwei unterschiedliche Systeme – also gelbe Tonne UND Pfand – sich nicht rentieren würden. Ich denke, wir werden ein Pfand brauchen. Am Ende des Tages ist nämlich für KonsumentInnen nichts relevanter als der Preis. Weiß ich, dass ich durch die Flaschen ein paar Cent zurückbekomme, ist das ein großer Motivator (und übrigens würd ich sehr gerne im Heimatland der RedBull-Dose endlich mal eine Diskussion übers Dosenpfand sehen).

Flaschen werden zu Polyester-Kleidung

PET-Recycling ist ein gutes Beispiel, wie mit dem Verantwortungsgefühl der KonsumentInnen gespielt wird: PET Flaschen sind am Müllmarkt extrem beliebt. Warum? Weil auch Stoff aus ihnen gemacht werden kann. Es entsteht Polyester draus, und die daraus gemachte Kleidung kann man dann um den doppelten Preis als „recycelt“ oder „conscious“ verkaufen. Im Endeffekt kauft man aber kein Recycling, sondern Downcycling und ein echtes Umweltproblem obendrauf: Die Waschung von Polyesterkleidung – und es ist egal, ob es sich dabei um „neues“ oder „recyceltes“ Polyester handelt, erzeugt Mikroplastikfasern, die die Weltmeere verschmutzen – es ist längst noch nicht alles durch Kläranlagen auffangbar. Doch als KonsumentIn kann ich nicht wissen, was aus meiner Plastikflasche entsteht, die ich brav in die gelbe Tonne werfe.

Stattdessen müssen wir KonsumentInnen die Umwelt retten

Und jetzt kommen wir überhaupt zur Krux an dem ganzen System: Nicht nur herrscht viel zu wenig Transparenz gegenüber KonsumentInnen bei Abfallwirtschaftssystemen, nein, die Verantwortung wird auch gleich mal an die KonsumentInnen abgegeben. Mein liebstes Lieblingsbeispiel stammt von jener Textilkette, die seit Jahren eine „Conscious Collection“ herausbringt, die ich auch seit Jahren kritisiere. Ich nenne sie immer gerne die Textilschweden.

Im vergangenen Jahr eröffnete der Textilschwede neu auf der Mariahilferstraße, einen riesigen Flagshipstore. Dort gibt es nicht nur die Conscious Collection, nein, es gibt einen ganzen Conscious Corner. „Schau dir das an!“, wurde mir empfohlen. „Die bemühen sich wirklich!“, hieß es. Gut, ich will mal nicht so sein, ich schaute es mir an. Und war ehrlich positiv überrascht, als ich ecover Waschmittel und Guppyfriend Waschsäcke fand.

Guppyfriend ist ein Startup, die Waschsäcke verkaufen, in die man Polyesterkleidung reintun soll, und verhindern wollen, dass zumindest ein Teil der entstehenden Plastikfasern im Abwasser landet. Sie sind noch nicht der Lösung letzter Schluss, aber ein guter Anfang, um KonsumentInnen aktiv werden zu lassen. Ich freute mich sogar für Guppyfriend, eine Kooperation mit dem Textilschweden hieß wohl, dass sie ihre Produktion ordentlich raufskalieren würden können. Doch dann drehte ich mich einmal um 180 Grad um, das Regal mit den Waschsäcken hatte ich nun im Rücken – und stand vor einer sehr langen Stange, an der reine Polyesterblusen in zehn verschiedenen Farben um 8,99 das Stück hingen.

Schöner bebildern kann man diese Verantwortungsverschiebung an die KonsumentInnen nicht: Die Textilbrands produzieren Polyesterkleidung in riesigen Zahlen. Ein Verzicht auf Polyester in Alltagskleidung dieser Marke würde sich wahrscheinlich sogar spürbar auf den Weltmarkt auswirken. Tun sie aber nicht, weil man mit nix billiger produzieren kann als mit Polyester. Kein Stoff ist so vielfach einsetzbar, modifizierbar und farbecht – und kein Stoff erlaubt größere Margen für sie. Stattdessen müssen wir KonsumentInnen also die Umwelt retten, indem wir die eine gekaufte Plastikbluse im Sackerl – das wir auch beim Textilschweden kaufen – waschen. Ah ja.

Besser: Langlebigkeit, Upcycling, Mehrweg

Diese Verantwortungsverschiebung an KonsumentInnen sehe ich derzeit allerorts. Meine Beobachtung: Was vor 30 Jahren und länger als sehr gutes System eingeführt wurde – Recycling von Karton, Glas, Aluminium – scheint nun zu stagnieren. Weil es einfach ist, den KonsumentInnen zu sagen „ihr habt es in der Hand!“. Dass die es vielfach gar nicht in der Hand haben, weil entsprechende Recyclingsysteme gar nicht ausgebaut werden, müssen sie ja nicht wissen.

Ich halte die Kreislaufwirtschaft für ein hochrelevantes Zukunftsmodell. Doch wir werden uns aus der derzeitigen Situation nicht herausrecyeln können. Mein Appell lautet daher: Langlebigkeit einzelner Produkte, Upcycling, Mehrwegsysteme ausbauen, und als KonsumentInnen den Teil der Verantwortung, der bei Politik und Wirtschaft liegt, jenen wieder lautstark zurückgeben.

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