So stark dämpft der E-Auto-Boom die deutsche Wirtschaftsleistung

Oliver Janko - 15 Jän 2020

Das Tesla Model 3 © Trending Topics

Das ifo-Institut aus Deutschland schätzt, dass der Strukturwandel in der Autoindustrie die deutsche Konjunktur erheblich belastet. Und auch am Arbeitsmarkt würde der Wandel seine Spuren hinterlassen, so das Institut. Darüber hinaus scheinen deutsche Startups zu stark vom Ausland abhängig zu sein.

Zwar handelt es sich bei den Zahlen lediglich um Schätzungen, das ifo-Institut ist dennoch gewarnt. Der deutliche Rückgang bei der Automobilproduktion in Deutschland belastet die Konjunktur: „Diese Schwäche dürfte den Anstieg der Wirtschaftsleistung 2019 um etwa 0,75 Prozentpunkte gedämpft haben. Dabei haben wir die Zulieferungen aus anderen Branchen berücksichtigt“, erklärt ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.

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Überdurchschnittlich viel Kurzarbeit

Die schwache Wirtschaftsleistung hat Folgen: 14 Prozent der Automobilfirmen meldeten bei einer ifo-Umfrage im Dezember Kurzarbeit. Das ist deutlich mehr als der Schnitt der übrigen Industrie, der im Dezember bei sieben Prozent lag. Laut Wollmershäuser würden für die kommenden drei Monate sogar 19 Prozent der Unternehmen in der Autobranche Kurzarbeit erwarten, gegen 15 Prozent in der übrigen Industrie.

Umrüsten auf Elektroantriebe

Die Probleme scheinen hausgemacht: „Interessanterweise stieg gleichzeitig die Nachfrage nach deutschen Autos 2019“, sagt Wollmershäuser. „Die Kunden wurden aber nicht aus der inländischen Produktion bedient.“ Die inländische Produktion sei im vergangenen Jahr um 8,9 Prozent geschrumpft, nachdem sie bereits im Jahr 2018 um 9,3 Prozent zurückgegangen war. Die Branche habe die Produktion deutscher Marken an Standorten außerhalb Deutschlands ausgeweitet und führe die Autos dann nach Deutschland ein. Im internationalen Vergleich hat die Produktion deutscher Automobilhersteller dem ifo-Institut zufolge um geschätzte zwei Prozent zugelegt, gleichzeitig stiegen die deutschen Importe von Pkw aus der EU zwischen Januar und September 2019 um 16 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres.

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Ein Grund dafür könnte tatsächlich die verstärkte Produktion von Elektroautos sein: „Eine mögliche Ursache für die Produktionsverlagerungen der deutschen Automobilhersteller ist ein vermehrtes Umrüsten deutscher Standorte auf die Herstellung von Elektroautos. In der Übergangsphase fällt das Angebot an neu produzierten Pkw in Deutschland weg, und die vormals an den deutschen Standorten produzierten Pkw mit herkömmlichen Antrieben werden in anderen europäischen Ländern hergestellt“, erklärt Wollmershäuser die Zusammenhänge.

Österreich abhängig von Deutschland

Der IWF erwartet für Österreich ein Wirtschaftswachstum von 1,7 Prozent im Jahr 2020. Die heimischen Wirtschaftsforschungsinstitute Wifo und IHS zeigen sich etwas skeptischer und rechnen maximal mit einem Plus von 1,4 Prozent. Nachdem Deutschland aber mit einer schwächelnden Konjunktur zu kämpfen hat, sind Auswirkungen auf Österreich nicht ganz auszuschließen.

So schreibt die Österreichische Nationalbank in ihrer „Gesamtwirtschaftlichen Prognose für Österreich 2019 bis 2022„: „Die Weltwirtschaft hat im Verlauf des Jahres 2019 deutlich an Schwung verloren. Insbesondere im verarbeitenden Gewerbe ist das Wachstum deutlich zurückgegangen. Die zyklische Abschwächung der globalen Industrieproduktion wird durch eine Reihe weiterer Faktoren verstärkt. Dabei sind in erster Linie die von den USA ausgehenden handelspolitischen Konflikte vor allem mit China, die Unsicherheiten in Bezug auf den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU sowie die Probleme der Automobilindustrie im Zusammenhang mit der Einhaltung  der Klimaziele und dem Übergang zur Elektromobilität zu nennen. Letzteres hat maßgeblich zu einer bereits länger anhaltenden Rezession der deutschen Industrie beigetragen. Die dämpfenden Faktoren werden sich nur langsam zurückbilden.“

Trendwende in Sicht

Darüber hinaus heißt es: „Die Schwäche der Industrie im Euroraum ist im Wesentlichen auf die Entwicklungen in Deutschland zurückzuführen. Als Produzent von Maschinen und anderen Investitionsgütern ist die  deutsche Industrie besonders stark von der weltweiten Investitionsschwäche betroffen und befindet sich seit eineinhalb Jahren in einer Rezession.“ Die Produktion in der Automobilerzeugung sei seit der Jahresmitte 2018 um 20 % gesunken. Neben der Abschwächung des Welthandels seien es auch die Probleme der  Automobilindustrie, die dafür verantwortlich zeichnen würden […].

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Aufgrund der ungünstigen Wachstumsdynamik im Jahr 2019 und dem hierdurch bedingten geringen statistischen Überhang werde das Jahreswachstum 2020 jedoch noch relativ gering ausfallen. Die deutsche Wirtschaft werde erst im Jahr 2021 zu Wachstumsraten nahe ihrem Potenzial zurückkehren.

Hinter dem Text

Oliver Janko

Oliver Janko ist erfahrener Tech-Redakteur, kommt ursprünglich aus dem Printbereich und arbeitet nun als Senior Editor bei Tech&Nature.

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