Reportage: Fridays for Future ist viel mehr als nur die Klimastreiks

Susanne Wolf - 26 Feb 2020

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Ein Freitag Mittag am Wiener Heldenplatz: Hunderte Schüler und Studenten haben sich eingefunden, um für mehr Klimaschutz zu protestieren, auch einige Erwachsene sind zu sehen. Schilder mit Aufschriften wie „Stoppt den Klimawandel – jetzt oder nie“ werden in die Höhe gehalten, ein Transparent trägt die Aufschrift „Parents for Future“.

Renate Christ, ehemalige Generalsekretärin des Weltklimarats, kritisiert in einem Vortrag, dass weltweit jährlich vier Milliarden Euro an Subventionen in fossile Energien fließen – obwohl eine Wende hin zu erneuerbaren Energien dringend notwendig wäre. „Was wir brauchen, ist politischer Mut für unpopuläre Entscheidungen“, fordert die Oberösterreicherin. Sie ist auch Mitglied des Personenkommittes für das Klimavolksbegehren.

„Streikendes Klassenzimmer“ nennt sich das Format, das vor einigen Monaten Eingang in die wöchentlich stattfindenden Klimastreiks gefunden hat. Die Idee: Beim Klimastreik sollen die Schüler und Studenten sich Wissen über die Klimakrise aneignen, das sie in der Schule nicht lernen. „In der Schule haben wir zwar vom Klimawandel erfahren, aber nichts darüber, wie gefährlich die Situation bereits ist – und was wir dagegen tun können“, erzählt Anna, siebzehnjährige Schülerin aus Wien.

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Wie alles begann

Mehr als ein Jahr ist vergangen, seit die Schwedin Greta Thunberg die Fridays for Future-Bewegung ins Leben rief. Alles begann mit einem Sitzstreik vor dem schwedischen Parlament, um eine ambitioniertere Klimapolitik einzufordern. Greta Thunberg ist heute ein Vorbild für Millionen von Jugendlichen, innerhalb weniger Wochen wurde aus dem stillen Protest eine weltweite Bewegung. Die schwedische Klimaaktivistin nimmt sich kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die Folgen unseres unverantwortlichen Handelns anzuprangern. Unermüdlich weist sie auf die Gefahren hin, die der Klimawandel für kommende Generationen darstellt. „Natürlich brauchen wir Hoffnung. Aber noch viel wichtiger sind Taten. Sobald wir Taten setzen, wächst auch die Hoffnung.“ Mit Zitaten wie diesen gelingt es der Siebzehnjährigen wie keiner anderen, aufzurütteln.

Nach ihren aufsehenerregenden Atlantiküberquerungen ist es in letzter Zeit ruhiger geworden um Greta Thunberg. Doch nach wie vor geht sie jeden Freitag für mehr Klimaschutz auf die Straße – diese Woche in Hamburg.

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Viel mehr als nur Streiks

„Wir sind kurz davor, dass das Klima kippt und die Welt nicht mehr lebenswert sein wird“, zeigt sich die Studentin Lina beim Wiener Klimastreik besorgt. Und tatsächlich sind die Auswirkungen der Klimakrise bereits in Österreich zu spüren: Gletscherschmelze und sterbende Almen im Westen; Dürre, Waldsterben und Stürme im Süden, wo die Landwirte besonders betroffen sind. Der Osten ist von extremer Trockenheit und Hitze geprägt, aber auch Starkregen und Hochwasser setzen dieser Region zu.  „Wir müssen etwas tun, wir haben die Stimme, etwas zu verändern“ betont die Schülerin Anna.

Lina und Anna engagieren sich seit Monaten bei Fridays for Future, organisieren Treffen im Vorfeld der Streiks, bilden Arbeitskreise und kommunizieren mit Mitgliedern aus anderen Bundesländern. „Wir treffen uns regelmäßig, in den Sommerferien haben wir oft den ganzen Tag miteinander verbracht“, erzählt Anna. „Das war ganz schön viel Arbeit.“ Neben den Streiks werden auch Veranstaltungen organisiert, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen.

Klimaklage und politischer Mut

Vor dem Sommer wurde ein Antrag auf „Erklärung des Klimanotstands auf nationaler Ebene“ im Parlament eingebracht, im September wurde in Österreich tatsächlich der Klimanotstand ausgerufen. Ein Mitglied brachte gemeinsam mit Greenpeace Österreich die erste Klimaklage gegen die österreichische Regierung ein. Der Grund: Mangelhafte Klimapolitik. Und das nächste Projekt steht schon in den Startlöchern: Die Schule des Politischen Mutes. „Weil wir nicht darauf warten wollen, bis unser Bildungssystem die Weichen dafür stellt!“, heißt es auf der Facebook-Seite von Fridays for Future Vienna. Workshops zu den Themen “Klimafarming – Terra Preta”, “Wien Autofrei” und “Welchen Mut braucht diese Welt?” sind geplant.

Auch Schulen und Universitäten werden vermehrt in die Tätigkeiten von Fridays for Future eingebunden, Handlungsmöglichkeiten und Lösungen werden aufgezeigt. „Wir haben regelmäßig Kontakt mit Politikern und Wissenschaftlern“, ergänzt Lina. 26.800 „Scientists for Future“ alleine im deutschsprachigen Raum bestätigen in einer Stellungnahme, dass die Sorgen der Jugend um ihre Zukunft wissenschaftlich begründet sind. Auch Teachers for Future, Artists for Future oder Farmers for Future solidarisieren sich mit den Zielen der Jugendbewegung.

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Politik ist gefordert

Annika, Schülerin aus Salzburg, ist extra zum Wiener Klimastreik angereist. Auch sie ist aktiv in der Bewegung und organisiert die Streiks in ihrer Heimatstadt. „Schon meine Großmutter hat damals gegen Atomkraftwerke protestiert“, erzählt die Siebzehnjährige. „Meine Eltern haben mich und meine Schwester dazu ermutigt, uns für das Klima einzusetzen.“ Der Direktor von Annikas Schule toleriert das Fehlen der Schülerin, solange es sich in Grenzen hält. „Auch mein Klassenvorstand steht hinter mir, er hat mich einmal für eine Aktion sogar freigestellt.“ Versäumte Prüfungen werden nachgeholt.

In Linz setzt sich der Schüler Bernhard für den Klimaschutz ein. „Die Welt ist bedroht und wir tragen alle Verantwortung, auch für die nächste Generation“, ist der Achtzehnjährige überzeugt. „Als ich zum ersten Mal von Greta Thunberg hörte, gab mir das Hoffnung. Sie hat mich dazu inspiriert, selbst etwas zu tun.“ Auch die ältere Generation soll mobilisert werden, doch das sei nicht so einfach. „Manche Menschen sind überfordert mit der Situation und verdrängen lieber.“ Der Linzer erzählt, dass viele Mitglieder der FFF-Bewegung Veganer oder Vegetarier seien und aus Prinzip keinen Führerschein machen, viele lehnen auch das Fliegen ab. „Natürlich ist unser eigenes Verhalten wichtig, weil wir auch Vorbilder sein wollen. Aber selbst wenn wir alle nachhaltig leben, ist das zu wenig, solange die Politik nicht aktiv wird.“

Auch Anna und Lina aus Wien bestätigen, dass sie kein Fleisch essen, auf Plastikflaschen verzichten und Second-Hand-Kleidung tragen. Und auch sie fordern die Politik zu mehr Klimaschutz auf. „So vieles ist in Plastik verpackt und nachhaltige Produkte sind oft teurer. Was es hier braucht, sind politische Richtlinien“, ist Anna überzeugt. „Die Vorstellung, man müsse frei von Klimasünde sein, bevor man Veränderungen fordern darf, ist unlogisch“, schreibt der Physiker Florian Aigner in einem offenen Brief zur Fridays for Future-Bewegung. „Die Demonstranten fordern ja gerade einen Wandel des Systems, das es ihnen heute unmöglich macht, klimaneutral zu leben.“

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„Eine Aufgabe für die gesamte Menschheit“

Die Klimaaktivisten der Fridays for Future- Bewegung rufen vermehrt auch Schulen auf, sich den Klimastreiks anzuschließen. Unter dem Hashtag #schoolsforfuture werden Schüler ermutigt, in ihren Schulen zu mobilisieren. Auch Erwachsene sind aufgefordert, sich den Streiks anzuschließen: In einem offenen Brief, der zeitgleich in mehreren Medien erschien, rufen Greta Thunberg und andere Klimaaktivisten zum Handeln auf: „Wir haben das Gefühl, dass viele Erwachsene noch nicht verstanden haben, dass wir jungen Leute die Klimakrise nicht alleine aufhalten können. Das ist keine Aufgabe für eine einzelne Generation. Das ist eine Aufgabe für die gesamte Menschheit. Wir bitten Sie, sich uns anzuschließen.“

Hinter dem Text

Susanne Wolf

Susanne Wolf ist Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Umwelt und Nachhaltigkeit und immer auf der Suche nach einem lösungsorientierten Zugang.

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