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1. Bürgeraktiengesellschaft Österreichs

Regionalwert AG: Durch private Aktien mehr Biolandwirtschaft ermöglichen

Alfred Schwendinger, Vorstand der Regionalwert AG © Regionalwert AG
Alfred Schwendinger, Vorstand der Regionalwert AG © Regionalwert AG

Regionale, biologische Landwirtschaft hat enorm viele Vorteile: Weniger CO2-Emissionen durch kürzere Transportwege, weniger Pestizide und Dünger im Anbau und hochwertige Lebensmittel. Im europäischen Vergleich kann Österreich in dem Gebiet grundsätzlich punkten. So gibt es laut einer Erhebung von 2020 des österreichischen Landwirtschaftsministeriums 24.480 Bio-Betriebe in Österreich. Dies entspricht einem Anteil von 22,7 Prozent. Auf die Fläche betrachtet wurden 2020 mehr als ein Viertel der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Österreich biologisch bewirtschaftet. Damit belegt Österreich sowohl im europäischen als auch im weltweiten Vergleich Platz eins, so das Ministerium stolz.

Nichtsdestotrotz wird somit ein Großteil der Flächen auch hierzulande noch nicht biologisch bewirtschaftet. Unter anderem liegt das daran, dass die Umstellung auf biologische Landwirtschaft viel Geld kostet. Und woher dieses kommen soll, ist für Landwirt:innen oft eine schwierige Frage. Eine niederösterreichischer Pensionist will diese schwierige Frage nun mit einem hierzulande noch unbekannten Konzept lösen. Der ehemalige Landwirt Alfred Schwendinger gründe heuer im April die erste Regionalwert AG Österreichs.

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Vom Biobauer zum Gründer

37 Jahre lang war Schwendinger als Biobauer aktiv. Schon im Jahr 1984 stellte er seinen Betrieb auf biologische Landwirtschaft um, so der Niederösterreicher. In Krems baute er einen Bioladen zum Direktvertrieb der landwirtschaftlichen Produkte auf. Mittlerweile ist er pensioniert, doch seine Begeisterung für die Biolandwirtschaft  bleibt ungebrochen. „Ich bin immer wieder erstaunt über die Arbeit auf den Biobauernhöfe und welches Engagement dort vorherrscht“, sagt der Gründer im Gespräch mit Tech & Nature. Durch seine Arbeit sah Schwendinger, dass in der regionalen Entwicklung noch mehr passieren muss, damit mehr Menschen Biobetriebe aufbauen oder ihre Höfe zu solchen umgestalten. So entstand die Idee, eine Bürgeraktiengesellschaft aufzubauen.

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Betriebe mit Bürgeraktien fördern

Das Konzept ist in Deutschland bereits verbreitet. Die erste Bürgeraktiengesellschaft entstand schon vor 15 Jahren in Freiburg. Seitdem ist die Zahl der Gesellschaften gestiegen: Sieben Regionalwert AGs gibt es in Deutschland bereits, 14 befinden laut Schwendinger gerade in der Entstehungsphase. Alle Regionalwert-AGs, sowohl in Deutschland als auch die neu gegründete in Österreich, stehen über die im Juli 2020 gegründete Dachgesellschaft „Regionalwert Impuls GmbH“ in Bonn im Austausch. Sie funktionieren nach dem gleichen Schema. Die Regionalwert AG ist eine Bürgeraktiengesellschaft und funktioniert ähnlich wie eine „normale“ Aktiengesellschaft. Mit der Ausnahme, dass sie nicht börsennotiert ist und einem bestimmten Zweck dient: Die biologische Landwirtschaft zu fördern.

Bürger:innen können sogenannte Bürgeraktien über die AG erwerben. Mit dem angelegten Geld investiert diese dann in regionale Partnerbetriebe entlang der gesamten Lebensmittelwertschöpfungskette. Bürger:innen werden so zu Teilhaber:innen der Betriebe. Zu den Partnern gehören aktuell 15 Betriebe im Raum Niederösterreich-Wien, darunter Familienbetriebe, Bioläden und ein Landhotel.

Durch dieses Finanzierungsmodell will die Regionalwert AG dafür sorgen, dass Wertschöpfung, Arbeitsplätze und qualitätsvolle Lebensmittel in der Region bleiben und dass mehr Betriebe biologisch bewirtschaftet werden. Die Regionalwert AG selbst finanziert sich laut eigenen Angaben aus den Vernetzungsbeiträgen sowie den Rückflüssen der getätigten Investitionen. Da die AG erst heuer gegründet wurde, würden den laufenden Kosten noch keine laufenden Einnahmen gegenüberstehen. Deshalb finanziere sich die Regionalwert AG momentan noch aus Eigenkapital.

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Schon 300 Bürgeraktien gezeichnet

Derzeit möchte die Regionalwert AG wachsen. Zum einen sollen weitere Partnerbetriebe gewonnen werden, zum anderen Anleger:innen gefunden werden, die Bürgeraktien kaufen und damit die nötigen finanziellen Mittel zur Förderung von Betrieben bereitzustellen. Bis zum 30. November läuft derzeit noch eine Anleiheemission, bei der Interessierte Aktien zeichnen können. 500 Euro kostet eine Bürgeraktie derzeit. Insgesamt hat die Regionalwert AG laut Schwendinger rund 690 Bürgeraktien auszugeben. 300 sind bereits gezeichnet, der Rest muss nun noch untergebracht werden.

Kurzfristig will Schwendinger 200 Partnerbetriebe in Niederösterreich für die Regionalwert AG gewinnen. In zehn Jahren, so die Zielvorstellung des Gründers, sollen 30.000 Aktionär:innen Teil der Bürgeraktiengesellschaft sein. Ein ambitioniertes Ziel, doch im Kleinformat mache die AG auch wenig Sinn, so der Gründer. Schnelle Gewinne sind in der Regel nicht zu erzielen, gibt der Gründer selber auf seiner Website zu. Was die Rendite für Anleger:innen betrifft, so sind diese bei der Regionalwert AG zunächst einmal Wertrendite. Das heißt: ökologische, soziale und regionalökonomische Werte, die man mit der Unterstützung der regionalen Landwirtschaft schafft. „Die Rendite ist, biologische Produkte auf dem Teller zu haben“, erklärt Schwendinger.

Gerade deshalb geht es bei der Regionalwert AG vor allem um die Idee selbst, d.h. Geld nachhaltig und regional anzulegen. Um langfristig für Bio-Lebensmittel aus der Region zu sorgen.

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