Interview

Nachhaltigkeitsmanager: „Unsere Lebensweise ist nicht nachhaltig, aber sie ist änderbar“

Fred Luks bei einem Vortrag an der WU Wien © Luks
Fred Luks bei einem Vortrag an der WU Wien © Luks

Fred Luks hat auf dem zweiten Bildungsweg Volkswirtschaftslehre studiert. Er hat unter anderem als Leiter eines interdisziplinären Forschungsprojekts, als Nachhaltigkeitsmanager einer Bank und als Leiter des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien gearbeitet.

Gibt es gerade ein Projekt an dem Du arbeitest?

Fred Luks: „Das“ Projekt gibt es nicht. In diesen Monaten arbeite ich am Thema „Transformation“ – als Autor, Vortragender, Moderator und Berater. Dabei ist mir wichtig, über den Tellerrand der Nachhaltigkeit hinauszublicken und Themen wie Kultur, Digitalisierung und (natürlich) Corona mitzudenken. Ich führe sehr viele Gespräche zum Zusammenhang zwischen Transformation, Unternehmenskultur, Nachhaltigkeit und wirtschaftlichem Erfolg – und bin guter Dinge, dass Projekte daraus werden. Und gerade beginne ich mit meinem elften Buch.

Was treibt Dich im Leben an?

Neugierde, Leidenschaft und eine gründliche Unzufriedenheit mit dem Zustand der Welt.

Du bist ja ein bedeutender Nachhaltigkeitsexperte im deutschsprachigen Raum. Wie ist es eigentlich dazu gekommen?

Bedeutsamkeit liegt natürlich im Auge des Betrachters… Was wohl wirkt: dass ich bemüht bin, Aktion und Reflexion zu verbinden. Ich sehe mich als Theoretiker und als Praktiker. Als Theoretiker interessieren mich große Konzepte und Ideen wie Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung, Transformation und Wachstum, Hoffnung und Großzügigkeit – über diese Themen schreibe ich ja auch. Als Praktiker fasziniert mich die Frage, wie Ideen wirksam werden: in Unternehmen, aber auch ganz grundsätzlich in ökonomischer, politischer, kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht.

Zwei Dinge die bei dir besonders auffallen. Du schreibst viele Bücher und Du moderierst gerne Veranstaltungen? Wie das?

Schreiben ist eine hervorragende Methode, seine Gedanken zu ordnen und das Gelernte mit anderen zu teilen – und es macht mir Riesenspaß. Moderieren macht mir ebenfalls Riesenspaß. Und es gibt einen Zusammenhang zwischen beidem: Fachlich „fit“ zu sein tut jeder Moderation gut – und das, was ich beim Moderieren lerne, fließt immer auch in das ein, was ich schreibe.

Was macht ein gutes Buch mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit aus?

Dass es über die Nachhaltigkeit hinausblickt und sich nicht auf eine Wahrheit oder einen Zugang versteift. Und – ganz wichtig – es dürfen auch Ironie und Humor dabei sein, wenn man über dieses ernste Thema schreibt.

Was macht eine gute Moderation aus?

Fachlichen Kompetenz, intensive Vorbereitung, Lust am Diskutieren, Übersicht, Reaktionsschnelligkeit. Und Leidenschaft für die Sache natürlich!

Du beobachtest die Entwicklungen rund um Nachhaltigkeit ja sehr genau. Wo stehen wir da jetzt?

Die Dringlichkeit des Themas nimmt nicht ab, im Gegenteil. Ich sehe (sehr) große Hindernisse und Widerstände, gebe die Hoffnung aber nicht auf, dass die Wende zur Nachhaltigkeit gelingen kann.

Wer ist da eigentlich besonders gefordert. Die Politik, Wissenschaft, Unternehmer, Konsument ….?

Es gibt aus meiner Sicht eine geteilte Verantwortung. Sehr wichtig erscheint mir, dass wir die Lösung gesellschaftlicher Probleme nicht an Individuen abschieben. Gesellschaftliche Probleme gehören gesellschaftlich bearbeitet – hier ist ganz wesentlich die Politik gefordert. Und – ganz ohne einen naiven Glauben an „grünes Wachstum“: Unternehmen kommt eine Schlüsselrolle bei der Transformation zur Nachhaltigkeit zu. Wie wichtig die Zivilgesellschaft ist, hat uns zuletzt #FridaysForFuture gezeigt. Besonders gefordert sind also: alle. Ganz wesentlich übrigens auch Wissenschaft und Bildung. Was im Nachhaltigkeitsdiskurs bislang oft übersehen wird: Die Relevanz von Kulturinstitutionen.

Drei Dinge die im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit sofort passieren müssen.

Ökosoziale Finanzreform: Einführung von Steuern mit Lenkungswirkung, Abschaffung von sinnfreien Subventionen.
Politische Ehrlichkeit: Unsere Lebensweise ist nicht nachhaltig, aber sie ist änderbar, wenn auch nicht ohne die Aufgabe von Privilegien – das würde ich gerne mal von Menschen hören, die politische Verantwortung tragen.
Gesellschaftliche Streitkultur: Wenn uns an einem demokratischen Weg zur Nachhaltigkeit gelegen ist, müssen wir Räume für produktiven Debatten organisieren und die Ideologie der politischen Korrektheit mit aller Vehemenz zurückdrängen.

Drei positive Beispiele im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit.

Der Green Deal der Europäischen Union. Die Aktivitäten von Politik und Unternehmen auf dem Feld „Sustainable Finance“. Mein Verzicht auf ein Auto und den Verzehr von Fleisch.

Wie wird die Welt nach Corona ausschauen? Eine Idee?

Ich vermute, dass sich die internationale Arbeitsteilung etwas verändern wird – Resilienz wird wichtiger, Effizienz verliert seinen Status als unhinterfragbares Leitbild. Was hoffentlich nicht passiert: dass das Corona-Krisenmanagement als Modell für die Klimapolitik dient. Das wäre ökonomisch, sozial, demokratiepolitisch und am Ende auch ökologisch ein Desaster.

Was macht Dich persönlich aus?

Neugierde, Leidenschaft und die Tatsache, dass ich mit meiner Traumfrau verheiratet bin.

Welche Projekte liegen noch in der Schublade?

Ich will seit langem ein Buch schreiben mit dem Titel „Haben wir die Intellektuellen, die wir verdienen?“ Es soll dabei um die Frage gehen: Wem hört die Gesellschaft eigentlich zu – und warum? Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich es noch in diesem Lebensjahrzehnt schreiben werde.

Was würde der Welt abgehen, wenn es Dich nicht geben würde?

Jemand, der die Nachhaltigkeit kritisiert, um sie mit Leben zu füllen.

Wer sind Deine wichtigsten Unterstützer?

Meine Frau und meine Freundinnen und Freunde. In der Vergangenheit: Der Wiener Nachhaltigkeitsforscher Fritz Hinterberger hat mich sehr gefördert, als ich am Anfang meines Weges als Wissenschaftler stand.

Wie startest Du in den Tag? Gibt es „Rituale“ die Du umsetzt?

Ich starte sehr früh. Und ja, mit Ritual: Bevor ich Mobiltelefon und Computer in Betrieb nehme, lese ich mindestens 30 Minuten in einem Buch – keinen aktuellen Text, sondern eher „Klassiker“.

Was braucht ein Tag, um perfekt zu sein?

Freie Zeit und die Nähe meiner Frau. Sonnenschein und Pistazieneis helfen.

Hast Du für unsere LeserInnen eine Buchempfehlung, einen Webtipp, einen Tipp für einen inspirierenden Platz, …?

„Black Mirror“! Diese TV-Serie spekuliert über die Konsequenzen der Digitalisierung für die Gesellschaft. Unheimlich, unterhaltsam und unbedingt sehenswert – gerade für Nachhaltigkeitsbewegte: Ich finde, dass wir die Forderung nach Transformation zusammendenken müssen mit der technologischen Transformation, die bereits stattfindet.

Wen sollten wir noch für „way to passion“ interviewen?

Elisabeth Freytag-Riegler! Sissy ist eine hochkompetente und sehr engagierte Ministerialbeamtin, die für die Nachhaltigkeit wirklich etwas bewegt.

Zu guter Letzt: Kurze Fragen – kurze Antworten!

Zick-Zack Lebenslauf oder geradlinige Karriere?
Seeehr Zick-Zack. Umwege erhöhen die Ortskenntnis!

Arbeiten bedeutet für mich …
Lernen und Gestalten.

Leidenschaftlich gerne …
bin ich verheiratet.

Lieblingsort zum konzentrierten Arbeiten?
Mein Heim-Büro und ein ganz bestimmtes Café in Wien, dass ich natürlich nicht verraten werde.

Auf meinem Smartphone Home Screen ist zu sehen …
ein Papp-Löwe im Morgenlicht. Also kein Papiertiger.

Um abends abzuschalten…
schaue ich Netflix. Auch wenn Streamen ja das neue Fliegen sein soll.


Dieses Interview erschien zuerst auf „Way To Passion“

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