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personal carbon allowances

Forschung: „Zeit könnte reif sein“ für CO2-Limits für Privatpersonen

©Markus Spiske/ pexels
©Markus Spiske/ pexels

Laut den Berechnungen der Forschenden anlässlich des kürzlich veröffentlichten 1. Teils des sechsten Sachstandsberichtes des Weltklimareports ist nur noch ein CO2-Budget von 300 Gigatonnen (Gt) CO2 vorhanden, gerechnet ab Anfang 2020, um die die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken. Diese Summe ermittelte sich aus der Darstellung verschiedener Klimaszenarien mit einer Wahrscheinlichkeit von 83 Prozent. Das ist nicht viel Restbudget. Bereits in den 2030-er Jahren könnte die 1,5 Grad-Marke bei der Erderwärmung erreicht sein, zeigen die Analysen der Klimaforschenden.

Von daher herrscht allgemein ein Konsens darüber, dass die Mengen an Treibhausgas-Emissionen schnellstmöglich signifikant reduziert werden müssen. Forschende aus Schweden, Großbritannien und Israel haben dafür jetzt das Potenzial einer bisher nur auf dem Papier existierenden Idee untersucht. Im Mittelpunkt der Analysen steht die Idee eines persönlichen Kohlenstoffzertifikates, im englischen: personal carbon allowances (PCA). Dieses soll jedem Menschen genau anzeigen, wie viel Emissionen verursacht werden und könnte auch persönliche Limits beinhalten. Dadurch soll es nachvollziehbarer und persönlicher werden, den eigenen CO2-Fußabdruck zu verringern. Laut den Forschenden könnte die Zeit für die Einführung eines solchen in vielen Industrieländer reif sein.

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Mehr Anreize und Optionen CO2-Ausstoß zu verringern

Tagtäglich begegnen den Menschen Limits, welche ihr Leben beeinflussen. Durch das Einkommen gesetzte Limits, welche die Ausgaben beschränken, Geschwindigkeitsbegrenzungen im Straßenverkehr, selbstgesetzte Limits bei der täglichen Kalorienaufnahme. Die genannten Beispiele sind für viele Alltag. Anders hingegen verhält sich jedoch bei der Idee, bei dem eigenen CO2-Fußabdruck ein gesetzliches Limit zu erhalten. Der Direktor des Climate Action Centre an der schwedischen Königlichen Technischen Hochschule (KTH), Francesco Fuso-Nerini, hat daher mit seinem Team für die jüngst veröffentlichte Studie eine Meta-Analyse der vorhandenen Literatur über PCAs durchgeführt. In diese haben sie zudem aktuelle Erkenntnisse zur Klimakrise, als auch soziale und technologische Veränderungen bedingt durch die COVID-19-Pandemie beachtet, so die Forschenden.

„Persönliche Klimazertifikate würden einen marktorientierten Ansatz verfolgen und persönliche Anreize und Optionen bieten, die ihr Handeln mit den globalen Kohlenstoffreduktionszielen verbinden“, so Fuso-Nerini. Wie genau ein solches Kohlenstoffzertifikat aussehen sollte oder wie hoch das persönliche Limit eines jeden Menschen sein müsste, lassen die Forschenden in ihrer Studie offen. Gegenüber dem Onlinemagazin Ars Technica äußert Fuso-Nerini, dass diese höchstwahrscheinlich auf nationaler Ebene umgesetzt werden würden und es auf  städtischer Ebene auch mögliche freiwillige Ansätze geben könnte. Als Beispiele für Möglichkeiten die persönlichen Emissionen zu tracken, werden das Erfassen der Emissionen im Haushalt durch Stromverbrauch von Geräten, die Verkehrsemissionen einer Person oder die verursachten Emissionen der Produkte beim Lebensmitteleinkauf genannt.

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Einführung eines persönlichen Kohlenstoffhandelsmarktes

Den Forschenden zufolge könnte ein solches CO2-Limit sowohl bei Privatpersonen dazu führen, einen nachhaltigeren Lebensstil zu verfolgen, als auch Unternehmen aus den betroffenen Branchen dazu animieren, bei ihren Produkten auf eine geringere CO2-Bilanz zu achten. „Diese Richtung würde Raum für neue Unternehmen und Technologien schaffen, um die Verringerung der persönlichen Emissionen zu unterstützen“, so Fuso Nerini in einer entsprechenden Aussendung der schwedischen Universität.

Viele Konzepte der PCAs inkludieren ebenfalls die Möglichkeit eines persönlichen Kohlenstoffhandelsmarktes. Sollte das eigene Budget an CO2 nicht ausreichen, könnte man unverbrauchtes Budget von anderen Personen kaufen, so die Idee. Dabei weisen die Forschenden allerdings darauf hin, dass „PCAs so gestaltet werden müssen, dass sie sich nicht negativ auf arme und gefährdete Bevölkerungsgruppen auswirken“, so das Forschungsteam. Diese dürften sich nicht nachteilig auf die UN Sustainable Development Goals bezüglich „Keine Armut“ und „Verringerung der Ungleichheit“ auswirken.

Auch wenn das Konzept eines persönlichen limitierten CO2-Budgets nicht neu ist, bisher aber wegen der hohen Umsetzungsschwierigkeiten scheiterte, gehen die Forschenden davon aus, dass eine Einführung eines solchen jetzt in den Industrieländern möglich sein könnte. Als Argumente dafür nennen sie zum einen Verhaltensänderungen, welche durch die COVID-19 Pandemie bei vielen eingetreten sein könnten. Nachdem in Folge dieser Menschen auf der ganzen Welt Einschränkungen akzeptiert haben, um die Krise zu bekämpfen, könnte das auch bei der Klimakrise möglich sein, so das Argument. Zum anderen ließe sich ein solches persönliches CO2-Budget durch die zunehmende Digitalisierung und Weiterentwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz manifestiert in entsprechenden Apps auch in der Praxis niederschwellig umsetzen.

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Umsetzung trotzdem fraglich

Apps, die den persönlichen CO2-Verbrauch in einigen Bereichen tracken,  gibt es tatsächlich bereits jetzt schon einige. So misst die App des Wiener Startups Inoqo wie viel CO2 bzw. Schaden für die Biodiversität man durch den eigenen Konsum verursacht und unterstützt in weiterer Folge bei der Reduktion des eigenen Verbrauchs. Diese Verhaltensänderung erfolgt dabei aber freiwillig. Der Gedanke, dass der eigene Verbrauch und somit der eigene Lebensstil wegen eines staatlichen festgelegten Limits überwacht wird, dürfte auf wenig Gegenliebe stoßen. Insbesondere hinsichtlich des Datenschutzes dürfte es einige Bedenken geben.

Dem ist sich auch der Hauptautor der Studie bewusst, allerdings sieht er auch mögliche Chancen: „Es birgt eindeutig politische Risiken, wenn man sich für herausfordernde oder radikale politische Maßnahmen einsetzt, vor allem, wenn sie noch nie anderswo umgesetzt wurden und es keine früheren politischen Erfahrungen gibt, aus denen man lernen könnte“, so Fuso Nerini. „Gleichzeitig können diese ‚Vorreiter‘ von Vorteilen profitieren, die weit über die Reduzierung von Emissionen und das Erreichen von Netto-Null-Zielen hinausgehen.“

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