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Interview aus Glasgow

Expertin: „Erwarte keine Zunahme von Migration nach Europa durch den Klimawandel“

Dr. Sarah Louise Nash, Expertin für Klimamigration © Sarah Nash
Dr. Sarah Louise Nash, Expertin für Klimamigration © Sarah Nash

Die Klimakrise zwingt Menschen weltweit zur Flucht. Große Landstriche werden durch die Hitze unbewohnbar. Dürren und Starkniederschläge gefährden die Lebensmittelversorgung. Allein im Jahr 2020 trieben Dürre, Stürme und Fluten über eine Millionen Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen, etwa in Ländern wie Burkina Faso, Mali und Niger, wir berichteten. Auch auf der derzeitigen Weltklimakonferenz (COP26) im schottischen Glasgow ist die Klimamigration ein präsentes Thema. Und eine hört dabei genau zu: Dr. Sarah Louise Nash, Expertin für Klimamigration und Buchautorin.

Im Gespräch mit Tech & Nature spricht sie über das Thema Klimamigration:

Tech & Nature: Ist das Thema Klimamigration auf der COP26 präsent?

Sarah Louise Nash: Klimamigration ist natürlich ein Thema auf der COP26. Es wird in Neben-Events behandelt und es gibt unzählige Veranstaltungen dazu, wo ich zuhöre und mitdiskutiere. Es gibt auch Reden von Vertreter und Vertreterinnen von Staaten, vor allem betroffenen Staaten, die es erwähnen. Mittlerweile reden aber auch viele Industrieländer ganz offen darüber (…) Auf dieser COP26 ist Migration aber nicht wirklich ein Verhandlungsgegenstand. Es gibt nicht wirklich neue Texte zu Migration dieses Jahr. Zum Teil liegt das daran, dass es schon ein Gremium gibt, das dazu arbeitet. Es wurde aber auch nicht erwartet, dass etwas Neues dazu kommt. Vertreibung und Migration ist aber mittlerweile im Bereich klimabedingte Schäden und Verluste verankert. So wird es quasi indirekt verhandelt.

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Was wird in diesem Bereich genau besprochen?

Es gibt für mich drei sehr wichtige Punkte, die im Bereich klimabedingte Schäden und Verluste besprochen werden. Das erste ist einfach, dass dieser Bereich mehr institutionalisiert wird in den COPs. Seit 2013 gibt es einen Mechanismus zu klimabedingten Schäden und Verlusten, aber der Bereich war immer sehr umstritten. Jedes Jahr gibt es neue Streitereien dazu und es war sehr schwierig, das tatsächlich in Prozessen zu verankern.

Der zweite Punkt in diesem Bereich ist die Finanzierung. Anpassungsfinanzierung ist jetzt schon schwierig.  Dann noch über klimabedingte Schäden & Verluste und über Finanzierung zu reden, ist noch eine Nummer schwieriger. Das wird aber jetzt zumindest besprochen. Der dritte Punkt: Es wird über ein sogenanntes Santiago-Netzwerk gesprochen. Das ist ein Netzwerk, dass Entwicklungsstaaten im Bereich klimabedingte Schäden und Verluste technische Unterstützung bieten soll. Gerade wird verhandelt, was die Funktionen von diesem Netzwerk sein sollen.

Wie wichtig ist es, betroffene Länder schon jetzt zu unterstützen?

Das ist tatsächlich eine sehr wichtige Frage. Viele von diesen Staaten, besonders kleine Inselstaaten, sind existenziell bedroht. Die finden es aber gerade zum Teil schwierig, an Anpassungsfinanzierung zu kommen. Weil davon ausgegangen wird, dass dieses Land eh untergeht oder es wird nur darauf fokussiert. Man darf nicht außer Acht lassen, dass diese Länder Hilfe zur Anpassung brauchen. Viele von diesen Menschen wollen ja da bleiben. Die sagen: „Das ist unsere Heimat, wir wollen hier nicht weg“. Viele von diesen Bevölkerungen sind sehr mit dem Land verbunden. Da ist es wichtig, dass man versucht, denen zu helfen.

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Welche Länder sind am meisten von Klimamigration betroffen?

Die Migration, die wir im Kontext des Klimawandels sehen und sehen werden ist Binnenmigration. Dass viele Menschen international auswandern, wird eher nicht vorkommen. Es ist aber schwierig zu sagen, wie viele Menschen genau in welchem Land betroffen sind. Es wird auch viele unterschiedliche Auslöser für diese Migration geben. Wir werden natürlich den Meeresspiegelanstieg haben und Dürren, aber auch die Zunahme von extremen Wetterereignisse.

Die meisten Menschen, die im Kontext des Klimawandels irgendwo anders hingehen, werden in erster Linie in ihrem Gebiet bleiben wollen. Die werden vielleicht in die Stadt ziehen oder ein bisschen weiter weg in ein Gebiet, das ein bisschen weniger betroffen ist. Wenn das nicht ausreicht, vielleicht über eine internationale Grenze ins Nachbarland. Aber meistens werden sie in der Region bleiben. Und dann gibt es nur eine sehr kleine Prozentzahl von Menschen, die dann tatsächlich international migrieren werden.

Es ist also nicht davon auszugehen, dass viele nach Europa migrieren werden?

Auf keinen Fall. Ich erwarte keine große Zunahme von Migration nach Europa durch den Klimawandel.

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Werden wir auch im globalen Norden Klimamigration erleben?

Wenn man an die Überschwemmungsereignissen in Deutschland, aber auch in Österreich denkt: In diesen Gebieten gibt es natürlich viele Menschen, die einfach kein Haus mehr haben, weil ein ganzes Dorf zerstört worden ist. Kann man diese Menschen als Immigranten beschreiben? Vielleicht. Das wird halt nicht gemacht. Im europäischen Diskurs redet man über Migration als Phänomen des globalen Südens und nicht des globalen Nordens. Ich glaube wirklich, dass wir die gleichen Phänomene sehen werden, dass man ähnliche Probleme haben wird, aber natürlich mit anderen Mitteln dann entgegenwirken kann. Es wäre vielleicht gut für Europa, wenn wir anfangen, Klimamigration als Phänomen zu verstehen, das man auch zu Hause hat. Ich glaube, das ändert die Art, wie wir darüber reden.

Was würdest du dir grundsätzlich für den Bereich wünschen?

Für mich ist aber es sehr wichtig, die Diskurse besonders im globalen Norden zu ändern. Es macht mir sehr viel Sorgen, wie der Migrationsdiskurs in Europa gerade aussieht. Statt Migrantinnen und Migrantinnen zu unterstützen und ihnen legale Wege zu bieten, bauen wir Mauern und geben Geld für Grenzschutz aus. Ich glaube, das ist eine besorgniserregende Entwicklung und wird uns nicht helfen, falls wir doch dann mehr Migration sehen sollten. Ich würde eher mehr Arbeit reinstecken, eine menschlichere Migrationspolitik aufzubauen.

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