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Waschtag-Kolumne

C&A wird nachhaltigER: Eine verpasste Chance nach der anderen

Ein guter Freund und ich machen seit der Pandemie regelmäßig gemeinsame Spaziergänge durch die Stadt. Letztens kamen wir an C&A vorbei: Grüne Schilder, die mir Nachhaltigkeit und Verantwortung erklärten, überall, draußen wie drinnen. Ich wurde neugierig. Wenn einer der im deutschsprachigen Raum ältesten und bekanntesten Fast Fashion-Hersteller plötzlich sein Gewissen entdeckt, werde ich per se schon mal misstrauisch. 

Ich schaute mir die Website genauer durch, was sie mir alles als nachhaltig versprechen. Und obwohl der Lokalaugenschein den Eindruck machte, dass da wirklich einiges weitergeht, las ich Greenwashing in Reinkultur – wie sich mir nach einigen Cross-Checks eröffnete:  

  • „Lasst uns neue Outfits tragen, die recycelte Materialien enthalten.“ Alles, was auf der Website als recycelt markiert ist, besteht nur zu einem Teil aus Recyclingmaterialien, ist meisten Polyester, und selbst dieses Polyester, das sie verwenden, ist nur zu zwanzig Prozent recycelt – ganz abgesehen davon, dass auch recyceltes Polyester Mikroplastik beim Waschen fasert und damit eigentlich eine wandelnde Umweltkatastrophe ist. 
  • „Es wird Zeit, nachhaltige Mode zu einer Selbstverständlichkeit zu machen.“ Sowohl bei der Damen- als auch bei der Herrenkollektion ist gerade mal die Hälfte als nachhaltig gekennzeichnet …. Entschuldigung…. „nachhaltiger“. Dieser Komparativ ist DAS Buzzword für Greenwashing – nachhaltiger als was genau? Das Auto meiner Oma? 
  • „Es wird Zeit, die Veränderungen, die wir in der Welt sehen möchten, am eigenen Körper zu spüren.“ Ja, WIR spüren sie. Aber weder auf der heimischen Website noch im internationalen CSR-Report von C&A findet man ein Wort zur Bezahlung der Arbeiter:innen in der Lieferkette. Es geht immer um die Angestellten. Die Näher:innen sind jedoch in einem Arbeitsverhältnis mit eigenständigen Fabriken, die mit C&A zusammenarbeiten. Und damit man ein Gefühl für die Verhältnismäßigkeit bekommt: Laut Fashion Checker arbeitet C&A mit über 1900 Fabriken zusammen. Kein. Einziges. Wort. 

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Fasermischung = unrecycelbar

Wir reden hier nur vom allerersten Absatz, den man im Bereich Nachhaltigkeit lesen kann. Ich beschloss, mir die sehr große C&A-Filiale in meiner Nähe mal genauer anzuschauen: Ja, es gab auffällig viel Biobaumwolle (bei der man aufgrund des harten Schweigens von C&A zur Situation in der Lieferkette halt leider auch nur davon ausgehen kann, dass die schlecht bezahlte und ebenso schlecht behandelte Näherin halt eine andere Stoffrolle hingestellt bekommen hat….) und ein bisschen Lyocell/Tencel, aber dann war schon Ende Gelände. Binnen weniger Minuten fand ich zwei Teile, die den Begriff „nachhaltig“, ja nicht mal den Begriff „nachhaltiger“, verdienen. 

Ein Schal. Schöner Farbverlauf, das grüne Kärtchen beim Preisschild wies auf Nachhaltigkeit hin. Als ich ihn mir genauer anschaute, sah ich: Als „nachhaltiger“ wurden die 15% Leinen bezeichnet, die mit 85% Polyester (nicht recycelt übrigens) verwebt waren. NICHTS an diesem Schal ist nachhaltig. Es ist ein Plastikschal, der durch den Leinenanteil noch dazu unrecycelbar gemacht wurde – Faserarten, die zusammengemischt werden, können derzeit noch kaum wieder in Rohmaterialien recycelt werden. Es gibt zwar viel Forschung dazu, aber noch nix mit echter, breitenwirksamer Marktreife. Doch genau dieser kleine Leinenanteil, der dem Schal jede Chance auf Recycling nehmen, wird als grün, nachhaltig, ursuper bezeichnet. Geht’s noch? Das ist, als ob man auf eine Sachertorte ein paar Karottenraspel drauftut, um sie dann als besonders gesund bezeichnen zu können. 

Ein paar Meter weiter hing ein Hoodie. Aus 62% Viskose, 33% Nylon und 5% Elasthan. Wieder: Fasermischung, unrecycelbar. Viskose ist – wie das sehr nachhaltige Tencel – aus Holzfaser. Doch während Tencel im geschlossenen Kreislauf sehr nachhaltig hergestellt werden kann, ist konventionelle Viskose sehr energie-, wasser- und chemieintensiv in der Produktion. Und trotzdem läuft der Hoodie unter „nachhaltigere Mode“. Warum? Weil das Holz für die 62% Viskose nicht aus historischen oder bedrohten Wäldern stammt. Nein, das ist nicht ausreichend, um das gesamte Kleidungsstück als nachhaltig zu bezeichnen.

Greenwashing in Reinkultur

Was ich fast schon amüsant finde: Mit sicherlich viel Anspruch und Budget hat C&A Shirts und Jeans entwickelt, die dem Goldstandard des Cradle-to-Cradle-Prinzips entsprechen (die man also theoretisch im eigenen Garten eingraben kann und die irgendwann wieder zu Erde werden). Zwar kann man die Shirts und Jeans auch zurückschicken, damit sie wieder zu neuen Shirts und Jeans werden, doch wer macht das für einzelne Stücke? Für ihr breit ausgerolltes Rücknahmeprogramm von Altkleidern allgemein arbeiten sie aber mit einem Verarbeitungsunternehmen zusammen, das da keinen Unterschied macht und alles, was nicht per se wiederverkaufbar ist, zu Fleckerlteppichen und Putzfetzen macht. Zielführend? Nun ja… 

Ich weiß, das liest sich jetzt alles sehr nach I-Dipfel-Reiterei, aber genau darum geht es: Was ist wirklich nachhaltig, und was wird nur so bezeichnet, ist aber im Extremfall (wie bei dem Schal) sogar kontraproduktiv? Genau in diesem Spannungsfeld findet man Greenwashing: Ein bissl was machen, ein bissl viel kommunizieren. Dass man dabei die KonsumentInnen munter verarscht, ist die nicht allzu willkommene Nebenwirkung. Und C&A betreibt halt leider genau das in Reinkultur: ALLES, was derzeit auch nur im minimalen Ansatz als nachhaltig bezeichnet werden kann, kriegt einen grünen Stempel. 

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Grüner Stempel als Zukunftsstrategie

Doch warum plötzlich, fragte ich mich? C&A war schon seit Jahren stolz darauf, einer der weltgrößten Abnehmer von Biobaumwolle zu sein. Viel mehr in Sachen Nachhaltigkeit hörte man nicht von ihnen. Warum jetzt? Es dürfte dem Unternehmen einigen Medienberichten zufolge gerade nicht gut gehen. Kleidung wird über Zalando verkauft, weil der eigene Onlinestore nicht gut läuft. Eine lebensverlängernde Maßnahme, wie Christiane Beyerhaus, Leiterin des Studiengangs Global Brand und Fashion Management an der International School of Management, in einem Interview mit Business Insider sagt. Wörtlich: „Gewissermaßen ist dies nur eine lebensverlängernde Maßnahme, wenn C&A nicht langfristig die Strategie und das Markenimage ändert.“

Genau das tun sie jetzt anscheinend. Auf ihrer Website schreiben sie: „Gerade jetzt, wo unsere Kultur, Umwelt, Gesellschaft, Traditionen und Mode einen starken Wandel durchlaufen und der Wunsch nach einem nachhaltigeren Lebensstil deutlich wird, zeigt sich C&A als eine progressive fortschrittliche Marke, die einen Schritt weitergeht und ein traditionelles Familienunternehmen in eine grünere Zukunft führt.“ Nur leider tun sie es nur fürs Image und nicht für echte Nachhaltigkeit. In eine grünere Zukunft führt das nicht, aber vielleicht in ein bisschen Lebensverlängerung, weil viele Konsument:innen sich bereits mit grünen Schildern auf Kleidungsstücken zufriedengeben. Schade, was für eine verpasste Chance. 

PS: Ich frage mich, ob es in Zeiten, in denen sich durchsetzen muss, dass wir an allererster Stelle WENIGER konsumieren sollten, es langfristig noch einen Markt für so viele Anbieter in der Größe von C&A geben kann. Durchsetzen sollten sich dann halt nur diejenigen, die es mit der Nachhaltigkeit wirklich ernst nehmen. Das ist dann unsere Aufgabe als Konsument:innen, dafür zu sorgen. 

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