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Studie

Atomkraft: Abschaltung birgt für Deutschland kein Versorgungsrisiko

Für die sechs verbleibenden deutschen Kernkraftwerke bricht bald die letzte Stunde an © Viktor Kiryanov / Unsplash
Für die sechs verbleibenden deutschen Kernkraftwerke bricht bald die letzte Stunde an © Viktor Kiryanov / Unsplash

Geht es um die Kernkraft, so fährt Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) einen klaren Kurs. Gemeinsam mit der deutschen Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) stellte sie sich im Rahmen der Weltklimakonferenz COP26 mit ihren Amtskolleg:innen aus Luxemburg, Dänemark und Portugal erneut gegen die umstrittene Energieform, wir berichteten. Entgegen der klaren Positionierung für die Kernkraft in einigen Teilen der EU.

Dennoch gibt es in Deutschland, wo in diesem und nächsten Jahr die sechs verbleibenden Kernkraftwerke vom Netz gehen, immer wieder Stimmen, die im Atomausstieg eine Gefahr für die Energieversorgung sehen. Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat die energiewirtschaftlichen Folgen des Atomausstiegs genauer untersucht und kommt zu dem Schluss, dass durch die Abschaltung der Atommeiler keine Versorgungslücke in der Energieversorgung entsteht.

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Wegfall ohne „nennenswerte Auswirkungen“

In einem Strommarktmodell betrachteten die Forschenden, wie sich die Abschaltung der sechs Kraftwerke auf die Stromflüsse und den Energiemix auswirkt. Sechs Kraftwerke gehen entsprechend der 13. Novelle des Atomgesetzes 2011 bald vom Netz. Die Kernkraftwerke Brokdorf, Grohnde und Grundremmingen C sollen laut dem DIW Ende 2021 vom Netz gehen. Neckarwestheim 2, Isar 2 und Emsland dann Ende 2022. Zusammen haben die Kraftwerke laut den Forschenden eine Nettoleistung von acht Gigawatt. Damit wurden im vergangenen Jahr 11,3 Prozent des Stroms in Deutschland erzeugt, so die Forschenden des DIW. Fällt dieser Anteil weg, ist das für die Energieversorgung aber unbedenklich, so die Studie.

„Wenn die letzten sechs Kernkraftwerke bis Ende 2022 vom Netz gehen, hat dies keine nennenswerten Auswirkungen auf die Stromkapazitäten insgesamt, die Lichter in Deutschland werden nicht ausgehen“, sagt Studienautorin Energieökonomin Claudia Kemfert vom DIW in einer Presseaussendung zur Studie. Im Gegenteil dazu ebene die Abschaltung der Atommeiler den Übergang zum Ausbau der Erneuerbaren Energien.

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Kurzzeitiger Anstieg von Emissionen durch Fossile

Die Forschenden gehen davon aus, dass der Rückgang der Kernkraft übergangsweise zu einem höheren Einsatz von fossilen Energien sowie Importen führen wird. Das ließe die CO2-Emissionen kurzfristig ansteigen. Durch den beschleunigten Ausbau Erneuerbarer Energien könne das jedoch rasch zurückgeführt werden. Um den Betrieb des Stromnetzes stabil zu halten, müsse das Engpassmanagement zudem leicht angepasst werden. Heißt, Kraftwerkeinspeisungen müssten regional gesenkt oder erhöht werden. „Dies ist aber problemlos möglich, weil die dafür zusätzlich benötigte elektrische Energie noch im üblichen Schwankungsbereich der vergangenen Jahre liegt“, erläutert Studienautor und Ökonom Christian von Hirschhausen.

Wenn das deutsche Stromsystem auf Erneuerbare Energien in Verbindung mit Speichern umsteigt, bleibt die Versorgungssicherheit laut den Forschenden auch mittelfristig gewährleistet. Dabei ist es jedoch wichtig, dass Deutschland weiterhin in das europäische Stromsystem eingebunden bleibe, damit Schwankungen ausgeglichen werden können, so die Forschenden.

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Abschaltung wichtig für Endlagersuche

Ein großes Problem der Kernkraft ist der radioaktive Abfall, der über Jahrhunderte hinweg gefährlich strahlt und dadurch auch für kommende Generationen ein Risiko bleibt. In der Abschaltung der Atommeiler sehen die DIW-Forschenden eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Endlagersuche, die bis 2031 abgeschlossen sein soll. Grund dafür ist, dass mit der Abschaltung der letzten Reaktoren besser geplant werden kann, wie groß die Mengen an radioaktivem Abfall für die Endlagerung sind. Wichtig ist laut den Forschenden dabei jedoch auch, den Ausstieg nicht weiter hinauszuzögern. „Gesellschaftliche Akzeptanz für die Auswahl eines Endlagers gibt es zudem nur dann, wenn nicht mehr am politisch beschlossenen Ende der kommerziellen Nutzung von Kernenergie gerüttelt wird“, so Studienautor und Atomexperte Ben Wealer.

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Autor:innen gegen Atomkraft in EU-Taxonomie

Länder wie Frankreich, die sehr stark auf die Energieform setzen, sprechen sich weiter dafür aus, die Kernenergie in die EU-Taxonomie aufzunehmen. Mit dieser soll eine innerhalb des Staatenverbundes gültige Definition von ökologisch nachhaltigen Aktivitäten und Investitionen geben. Wird die Kernenergie in der Klassifikation aufgenommen, gilt die Energiequelle damit im Prinzip als „nachhaltig“. Dadurch könnte sie leichter durch grüne Finanzinvestments gefördert werden. Die DIW-Forschenden sprechen sich in der Studie jedoch klar dagegen aus, Atomkraft in die EU-Taxonomie aufzunehmen. Stattdessen empfehlen sie, Subventionen in die Kernenergie europaweit zu streichen und nicht neu einzuführen.

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