EAG

Grünflächen als Stolperstein für den Solarstrom-Ausbau

Agrar-Photovoltaik-Anlage In den Haidwiesen, Guntramsdorf; © Wien Energie/FOTObyHOFER/Christian Hofer
Agrar-Photovoltaik-Anlage In den Haidwiesen, Guntramsdorf; © Wien Energie/FOTObyHOFER/Christian Hofer

Bis 2030 soll Österreich komplett auf Ökostrom umsteigen. Den Löwenanteil des notwenigen Ausbaus erneuerbarer Energie soll dabei laut Bundesregierung die Photovoltaik tragen: 11 von 27 notwendigen zusätzlichen Terawattstunden Strom müssen demnach Solarstrom sein. Die Basis für diesen Ausbau legt das „Erneuerbaren Ausbau Gesetz 2020“ (EAG 2020), das derzeit in Begutachtung ist und schon am 1. Jänner in Kraft treten soll. Darin ist allerdings ein Stolperstein für Photovoltaik enthalten: Auf freien Flächen, wo besonders große Anlagen möglich sind, wir die Förderung gleich um 30 Prozent gekürzt.

Erneuerbaren Ausbau Gesetz bringt Milliarden-Förderung für Ökostrom

Nachschärfung im Gesetz gefordert

Argumentiert wird diese Kürzung von Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Die Grünen) mit Umweltschutz. Zuerst sollen Dächer ausgebaut werden, dann versiegelte Flächen und Deponien. Grünflächen und Agrarflächen sollen tabu sein und auf anderen Freiflächen wird die Förderung der Anlage um 30 Prozent niedriger sein. Hier wird man Brancheninsidern zufolge in der Begutachtungsfrist jedenfalls nachschärfen müssen, denn welche Freiflächen nun erlaubt, welche verboten und welche gefördert werden, sei in dem Gesetzesentwurf nicht so deutlich ausformuliert.

Ob eine Freifläche überhaupt für Solarstrom genutzt werden kann, hängt außerdem von der Widmung ab, die wiederum in den Händen der Bundesländer liegt. Niederösterreich hat bereits eine Novelle des Raumordnungsgesetzes in Begutachtung geschickt, das ebenfalls eine Erschwerung von Freiflächen-Anlagen vorsieht.

In der Branche sieht man den Stolperstein bei der Photovoltaik-Förderung kritisch: „Abschläge von 30 Prozent für Freiflächenanlagen erscheint uns sehr viel, denn diese Anlagen werden den größten Beitrag leisten“, formulierte Michael Strugl in seiner Funktion als Präsident der Interessenvertretung Oesterreichs Energie in einer Diskussionsrunde zum EAG 2020 vorsichtig. Experten schätzen, dass mit Dachanlagen in Österreich nur 4 der erforderlichen 11 Terawattstunden ausgebaut werden können. Versiegelte Deponie- und Verkehrsflächen könnten nur etwas mehr als 1 Terawattstunde beitragen.

Der Solarstrom-Ausbau und das Problem mit freien Flächen

Schlechte Anbauflächen nutzen

„Ohne Freiflächen werden wir das Ausbauziel nicht erreichen“, bestätigt Christian Reim, Business Developer bei eco-tec, einem der größten Errichter von Freiflächen-Photovoltaik in Österreich. Es sei aber auch nicht notwendig, „beste Flächen“ zu verwenden – gemeint ist vor allem Boden, der gut für den Anbau von Getreide und Gemüse geeignet ist. Es gibt laut Reim auch ausreichend Flächen, die für eine landwirtschaftliche Nutzung nicht gut geeignet sind – beispielsweise, weil eine Bewässerung nicht wirtschaftlich ist oder der Grund zu feucht ist.

Es gibt in Österreich aber auch bereits Beispiele für eine produktive Doppelnutzung. In der Steiermark hat eco-tec eine Anlage umgesetzt, bei der zwischen den Paneelen Schafe grasen. „Über die Optik kann man immer diskutieren, aber aus Sicht des Naturschutzes ist es auf jeden Fall eine gute Lösung“, meint Reim, dessen Unternehmen auch mit dem Startup „Meine Blumenwiese“ zusammenarbeitet, um degradierte Flächen unter Solaranlagen in einen guten Lebensraum für Insekten zu verwandeln.

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„Innovative Doppelnutzung“ als Gewinn

„PV sollte unseres Erachtens auch auf Grün- und Agrarflächen gefördert werden, wenn ein Zusatznutzen oder eine innovative Doppelnutzung möglich ist“, meint auch das Stromunternehmen Verbund in einer schriftlichen Stellungnahme. Der 30-Prozent-Abschlag sei auch viel zu hoch. Verbund ist derzeit einer der größten Wasserkraft-Player in Europa, will in den kommenden Jahren aber auch Windkraft und Photovoltaik stark ausbauen – bis 2030 sollen diese beiden Quellen ein Viertel der Produktion bei Verbund ausmachen.

Der Energieversorger Wien Energie hat in der Vergangenheit bereits in Pilotprojekten gute Erfahrungen mit der Doppelnutzung von Agrarflächen gemacht. Auf einem Erdäpfel-Acker in Guntramsdorf wurden zweiseitige Photovoltaik-Module aufgestellt, die Sonnenenergie sammeln und gleichzeitig in Hitzeperioden Schatten spenden.

Auch Wien Energie sieht die Nutzung von Grün- und Agrarflächen als Gewinn – auf degradierten Flächen, etwa ehemaligen Deponien, würde ein PV-Ausbau die Biodiversität steigern und auf einem Acker könnte mitunter der Ertrag gesteigert werden, heißt es dazu in einem Positionspapier. Außerdem weißt das Unternehmen darauf hin, dass eine Photovoltaik-Anlage keine Versiegelung der Fläche bedeuten würde. 99 Prozent der Bodenfläche würden bei der Errichtung unberührt bleiben.

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